Textsorten by Sara · Altenberg & Wimmer

Textinterpretation zu „Verdienen“ und „bankomat“
– Schritt für Schritt erklärt

Diese Seite begleitet dich bei der Matura-Aufgabe zu Peter Altenbergs Kurzprosatext „Verdienen“ und Herbert J. Wimmers „bankomat“. Du lernst, wie du die Inhalte kurz wiedergibst, die formale und sprachliche Gestaltung analysierst und beide Texte vergleichend im Hinblick auf ihre gesellschaftskritische Dimension deutest.

📖 12. Schulstufe 🎓 Deutsch – Textinterpretation 🧩 Aufgabe + Lösung verlinkt 💶 Gesellschaftskritik & Geld
Ömer

🎧 Ömer erklärt · Hör zuerst rein!

„Verdienen“ und „bankomat“ – Ömers Audio-Erklärung

📋

Kapitel 1

Die Aufgabenstellung richtig lesen

⚠️ Der häufigste Fehler
Viele schreiben zuerst eine halbe Seite zu Altenberg, dann eine halbe Seite zu Wimmer und vergessen am Ende den eigentlichen Kern der Aufgabe: die gesellschaftskritische Dimension vergleichend zu deuten. Genau dieser Vergleich ist aber das Zentrum der Aufgabe.
Offizieller Arbeitsauftrag
  1. Beschreiben Sie kurz die Inhalte der beiden Texte.
  2. Analysieren Sie ihre formale und sprachliche Gestaltung.
  3. Deuten Sie die Texte vergleichend im Hinblick auf ihre gesellschaftskritische Dimension.
1
Inhalte kurz wiedergeben
Bei Altenberg geht es um Menschen, die nur noch verdienen wollen – ohne Sinn, ohne Ziel, ohne Genuss. Bei Wimmer geht es um jemanden, der am Bankomaten Geld beheben will, aber keines erhält und vom personifizierten Automaten geradezu verhöhnt wird.
💡 Kurz heißt hier wirklich kurz: keine Analyse, nur die Kernidee jedes Textes.
2
Form und Sprache analysieren
Schau genau darauf, wie unterschiedlich beide Texte gebaut sind: Altenberg arbeitet mit einem mündlich-dringlichen Prosafluss voller Fragen, Wiederholungen und Ausrufe. Wimmer arbeitet mit extremer Verknappung, Kleinschreibung, Zeilenbrüchen und Personifikation.
🧠 Immer fragen: Wie macht die Sprache die Kritik sichtbar?
3
Vergleichend gesellschaftskritisch deuten
Der Erwartungshorizont ist hier sehr klar: Beide Texte zeigen die Macht des Geldes über Menschen. Aber sie zeigen unterschiedliche Perspektiven. Altenberg kritisiert den Zwang, immer weiter zu verdienen. Wimmer zeigt die Ohnmacht derjenigen, die kein Geld bekommen.
🎯 Vergleichsidee: zu viel wollen versus zu wenig haben.
📄
Aufgabenblatt – Verdienen & bankomat
Matura 2019 · Deutsch · Thema 1 / Aufgabe 1
🧠
Lösungshinweise / Erwartungshorizont
Für Lehrkräfte oder zur Vorbereitung
🔍

Kapitel 2

Was ist hier die eigentliche Herausforderung?

Diese Aufgabe wirkt auf den ersten Blick recht klar, aber sie ist tückisch. Warum? Weil die beiden Texte zwar beide mit Geld zu tun haben, aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven. In Verdienen geht es nicht um Armut, sondern um den sinnentleerten Zwang, immer mehr Geld zu verdienen, obwohl gar nicht klar ist, wofür eigentlich. In bankomat geht es dagegen um jemanden, der Geld braucht, aber keinen Zugriff darauf bekommt – und genau dadurch zum ohnmächtigen „armen schlucker“ wird.

Das Spannende ist also: Beide Texte sind gesellschaftskritisch, aber nicht auf dieselbe Weise. Altenberg kritisiert einen inneren gesellschaftlichen Mechanismus: Konkurrenzdruck, Nachahmung und die Leere des Verdienens um des Verdienens willen. Wimmer zeigt die äußere Gewalt eines Systems, in dem ein Mensch vom Geld und von den Apparaten des Geldsystems abhängig ist.

Eine starke Interpretation bringt genau diese zwei Perspektiven zusammen: Geld beherrscht Menschen – einmal als Zwang zum Immer-Mehr, einmal als Macht über die Bedürftigen.

Ömer

Ömer sagt:

Der Trick der Aufgabe ist nicht: „Was sagen die Texte über Geld?“ Der Trick ist: „Wie unterschiedlich zeigen sie die Macht des Geldes?“ Wenn du das checkst, bist du schon ganz nah an einer starken Lösung.

🗂️

Kapitel 3

So baust du deine Interpretation sinnvoll auf

1
Einleitung
Nenne Autoren, Titel, Erscheinungsjahre, Textsorten und das gemeinsame Grundthema. Formuliere bereits hier, dass beide Texte gesellschaftskritisch mit dem Thema Geld umgehen.
Beispiel: Die Kurzprosatexte „Verdienen“ von Peter Altenberg und „bankomat“ von Herbert J. Wimmer setzen sich auf unterschiedliche Weise kritisch mit der Macht des Geldes auseinander.
2
Inhalte kurz wiedergeben
Fasse beide Texte knapp zusammen, aber so, dass schon der Grundkonflikt sichtbar wird: Altenberg zeigt den sinnlosen Verdienstaumel, Wimmer die Demütigung eines Menschen am Bankomaten.
3
Formale und sprachliche Analyse
Erkläre, wie Altenbergs langer, gedrängter Prosafluss und Wimmers knapper, stark verdichteter Text jeweils ihre Wirkung entfalten. Hier musst du Sprache und Gesellschaftskritik zusammen denken.
4
Vergleichende Deutung
Jetzt führst du zusammen, worin die Gemeinsamkeit liegt und worin der Unterschied: Beide Texte zeigen die Macht des Geldes, aber aus entgegengesetzten Blickrichtungen.
5
Schluss
Formuliere als Fazit, dass beide Texte trotz ihrer formalen Unterschiede dieselbe Grundfrage stellen: Wie sehr bestimmt Geld das Leben und die Würde von Menschen?
📝
Wortanzahl
Die Aufgabenstellung verlangt 540 bis 660 Wörter. Das heißt: klar strukturieren, gezielt vergleichen, nicht in Einzelbeobachtungen verlieren.
📐

Kapitel 4

Formale und sprachliche Gestaltung – worauf du achten musst

Altenbergs „Verdienen“ ist ein Prosatext ohne sichtbare Gliederung, aber mit einem sehr stark mündlich wirkenden Stil. Der Erwartungshorizont hebt hervor, dass der Text keine Absätze oder weitere Gliederung besitzt und dass durch Kursivschreibung einzelne Wörter besonders hervorgehoben werden. Gleichzeitig ist der Text voller Fragesätze, Ausrufe, Wiederholungen, Ellipsen und Parallelismen. Dadurch wirkt er atemlos, emotional, drängend und fast wie ein gesprochener Monolog.

Besonders wichtig ist die permanente Wiederholung von verdienen. Dieses Wort verliert dabei geradezu seinen Sinn und wird selbst zum Symbol der Leere. Altenberg nennt es sogar das „nichtssagendste, inhaltsloseste Wort“. Das zeigt: Der Text kritisiert nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch die Sprache einer Gesellschaft, die nur noch in Kategorien des Verdiensts denkt. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Wimmers „bankomat“ funktioniert ganz anders. Der Text ist extrem verknappt, arbeitet mit Kleinschreibung, Zeilenbrüchen und dichter Bildsprache. Die Alltagshandlung des Geldabhebens wird grotesk verzerrt. Der Bankomat wird personifiziert und zum eigentlichen Akteur, während der Mensch anonym bleibt: erst „jemand“, dann „arme[r] schlucker“. Dadurch kippt das Machtverhältnis. Nicht der Mensch kontrolliert das Gerät, sondern das Gerät demütigt den Menschen.

AspektVerdienenbankomat
Textsorte/FormProsatext, dicht, ununterbrochener Flussstark verdichteter Kurztext, fast lyrisch
Spracheindruckmündlich, atemlos, emotional, drängendverknappt, hart, grotesk, modern
Zentrale MittelWiederholung, Fragen, Ausrufe, Ellipsen, IroniePersonifikation, Metapher, Neologismen, Wortspiel, Wiederholung
WirkungDer Verdienzwang erscheint sinnlos und nervös.Der Mensch erscheint klein, das Geldsystem brutal und höhnisch.
Wiederholung bei Altenberg
„verdienen, verdienen, verdienen“ macht aus dem Wort eine leere Dauerschleife. Genau das zeigt den Zwangscharakter des Ganzen.
Fragen und Ausrufe
Die vielen Fragen zeigen Unverständnis und Aggressivität gegenüber einer Gesellschaft, die nur noch ans Verdienen denkt.
Personifikation bei Wimmer
Der Bankomat „lacht“. Das Objekt wird aktiv, der Mensch passiv. Genau so wird gesellschaftliche Ohnmacht sichtbar.
Neologismen
Wörter wie „austeritylache“ verbinden Sprachspiel mit Kritik an neoliberaler Sparpolitik und sozialer Kälte.
Wortfelder – sehr ergiebig in dieser Aufgabe
Auch hier helfen Wortfelder stark bei der Deutung. In Verdienen dominieren Wortfelder rund um Geld, Leistung, Konkurrenz, Luxus und gesellschaftlichen Druck. In bankomat sind besonders wichtig: Stadt, Geldabhebung, Objektwelt, Demütigung und ökonomische Macht.
Tipp: In „Verdienen“ kannst du markieren: verdienen, Andere, Pflicht, tot, ruhelos. In „bankomat“: plastik, schlitz, bargeld, objekt, schlucker, lachen.
✅ Mittel, die du gut verwenden kannst
  • Verdienen: Wiederholung, Ellipse, Fragesatz, Parallelismus, Ironie, Kursivierung, Diminutive
  • bankomat: Personifikation, Metapher, Neologismus, Wortspiel, Paradoxon, Wiederholung von „lachen“
✗ Zu oberflächlich
„Beide Texte haben sprachliche Mittel und kritisieren Geld.“
✓ Besser
„Während Altenberg durch Wiederholung, Ellipsen und Fragen den sinnlosen Verdienstaumel vorführt, macht Wimmer durch die Personifikation des Bankomaten sichtbar, wie ohnmächtig ein Mensch gegenüber Geld und Technik werden kann.“
💡

Kapitel 5

Die gesellschaftskritische Deutung – das ist der Kern

Der Erwartungshorizont ist beim Vergleich sehr eindeutig: Beide Texte thematisieren die Macht, die Geld über Menschen ausübt. Genau das muss in deiner Lösung deutlich werden. Aber ebenso wichtig ist der Unterschied zwischen beiden Texten. Altenberg zeigt Menschen, die dem Zwang des Verdienens folgen, obwohl sie gar nicht mehr wissen, wofür. Sie jagen einem leeren Begriff hinterher, getrieben vom Vergleich mit anderen. Wimmer zeigt dagegen eine Figur, die auf Geld angewiesen ist und gerade dadurch erniedrigt wird. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

Bei Verdienen ist der gesellschaftskritische Punkt also: Eine Gesellschaft hat sich dem Konkurrenzdenken, der Leistung und dem Geld so sehr unterworfen, dass das eigentliche Leben verloren geht. Altenberg zählt mögliche Genüsse und schöne Dinge auf – Oper, Bücher, Gesäuse, Wolfgangsee –, aber gerade diese Möglichkeiten werden nicht wirklich genutzt. Das Leben wird dem endlosen Verdienen geopfert.

Bei bankomat ist der gesellschaftskritische Punkt ein anderer: Hier zeigt sich, dass Menschen in einem von Geld bestimmten System entwürdigt werden können. Der Bankomat ist nicht einfach ein Gerät, sondern eine Figur der Macht. Er lacht, verhöhnt, vertreibt. Der Mensch wird anonymisiert und zum „armen schlucker“ degradiert. Geld erscheint hier nicht als Ziel, sondern als Zugang zu Würde und Überleben – und gerade dieser Zugang bleibt versperrt.

Gesellschaftskritischer AspektDeutung
VerdienenKritik am sinnlosen Verdienen um des Verdienens willen, am Vergleich mit anderen und an der Selbstunterwerfung unter Leistungslogik.
bankomatKritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Menschen von Geld, Apparaten und ökonomischer Macht abhängig und entwürdigt werden.
VergleichBeide Texte zeigen die Macht des Geldes: einmal als inneren Zwang zum Immer-mehr, einmal als äußere Gewalt gegen diejenigen, die zu wenig haben.
Ömer

Ömer sagt:

Das ist die stärkste Vergleichsidee: Altenberg zeigt die Leute, die dem Geld hinterherrennen. Wimmer zeigt die Leute, die vom Geldsystem weggelacht werden. Beides ist gesellschaftskritisch – aber aus zwei komplett verschiedenen Richtungen.

⚖️

Kapitel 6

So gelingt dir der Vergleich

VergleichspunktVerdienenbankomat
PerspektiveKritik an den Verdienenden selbstBlick auf den Bedürftigen / Ohnmächtigen
GeldGeld als leeres Ziel und ZwangGeld als Machtmittel und Zugangssperre
GesellschaftskritikKonkurrenzdenken, Leistungszwang, SelbstaufgabeAbhängigkeit, Demütigung, Macht der Verhältnisse
MenschenbildMenschen machen sich selbst zu VerdienernMenschen werden durch das System klein gemacht
✅ Gute Vergleichsformulierung
  • Beide Texte zeigen die Macht des Geldes über Menschen.
  • Altenberg kritisiert den sinnlosen Kreislauf des Verdienens, der aus Konkurrenzdruck entsteht.
  • Wimmer zeigt dagegen die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem System, das über Geld funktioniert.
  • Damit beleuchten beide Texte zwei Seiten derselben gesellschaftlichen Realität.
🎙️

Kapitel 7

Ömers ausführlicher Erklärungstext

Ömer erklärt – ausführlicher Sprechtext für 1.mp3

Okay, schauen wir uns diese Aufgabe jetzt so an, dass wirklich klar wird, was von euch verlangt wird. Ihr habt hier zwei Texte, die beide mit Geld zu tun haben, aber eben nicht auf dieselbe Weise. Und genau das ist der Schlüssel. Die Aufgabe will nicht nur, dass ihr kurz sagt, worum es in „Verdienen“ und in „bankomat“ geht. Sie will vor allem, dass ihr versteht, wie beide Texte gesellschaftskritisch funktionieren – und dass ihr diese Gesellschaftskritik vergleichend herausarbeitet.

Fangen wir mit dem ersten Arbeitsauftrag an: den Inhalten. Bei Peter Altenberg geht es um Menschen, die nur noch verdienen wollen. Nicht, weil sie ein klares Ziel haben. Nicht, weil sie wissen, wofür sie das Geld brauchen. Sondern weil andere auch verdienen. Weil der Vergleich mit den anderen sie antreibt. Weil das Verdienen selbst zum Zwang geworden ist. Genau das steht im Text sehr deutlich: Er fragt immer wieder, wofür die Leute eigentlich dem Verdienst nachrennen. Und die Antwort ist im Grunde: für gar nichts Konkretes. Sie wollen verdienen, um zu verdienen, und dann wieder, und noch, bis man tot ist. Das ist ganz wichtig, weil genau darin die gesellschaftskritische Schärfe des Textes liegt.

Beim zweiten Text, also bei Herbert J. Wimmers „bankomat“, ist die Situation ganz anders. Hier geht es nicht um Menschen, die immer mehr wollen, sondern um jemanden, der schlicht Geld beheben will – und keines bekommt. Der Ablauf ist ganz alltäglich: Jemand eilt durch die Stadt, steckt die Karte in den Schlitz, tippt den Code ein. Aber dann kippt diese gewöhnliche Handlung völlig ins Groteske. Der Bankomat lacht. Nicht das Bargeld kommt freundlich heraus. Sondern der Automat wird zur höhnischen Machtfigur, die den Menschen geradezu auslacht und vertreibt. Das ist deshalb so stark, weil ein technischer Vorgang plötzlich in eine soziale Demütigung umschlägt.

Jetzt zum zweiten Arbeitsauftrag, also zur formalen und sprachlichen Gestaltung. Altenbergs Text ist ein Prosatext ohne sichtbare Gliederung. Er läuft fast wie ein einziger Schwall dahin. Und genau das ist kein Zufall. Diese Form passt zum Inhalt. Denn auch der Verdienzwang läuft ja scheinbar endlos weiter. Die Sprache wirkt emotional, mündlich, drängend. Es gibt viele Fragesätze, Ausrufe, Ellipsen und Wiederholungen. Besonders auffällig ist natürlich die Wiederholung des Wortes „verdienen“. Das Wort kommt so oft vor, dass es sich fast selbst aushöhlt. Genau das ist der Punkt: Das Wort verliert seinen Sinn und wird selbst zum Symbol einer leeren Gesellschaftslogik.

Außerdem arbeitet Altenberg mit einer sehr auffälligen direkten Ansprache. Mal spricht er von „er“, mal von „Du“, mal von „man“, mal von „Andere“. Dadurch wirkt der Text fast dialogisch. Und das ist wichtig, weil der Text die Leserinnen und Leser mit hineinzieht. Er spricht nicht über irgendeinen abstrakten Typus, sondern über eine Haltung, die in der Gesellschaft überall vorkommt und in die man sich auch selbst hineinlesen kann. Dazu kommen die vielen Beispiele für Dinge, die man sich eigentlich vom verdienten Geld leisten könnte: Oper, Gesäuse, Bücher, Taschentücher, Frauenwelt, Wolfgangsee, Nestchen, Motorboot. Das alles zeigt, dass es durchaus Dinge gäbe, die das Leben schön oder besonders machen könnten. Aber gerade diese Möglichkeiten werden nicht wirklich genutzt, weil das Verdienen selbst zum Selbstzweck geworden ist.

Bei Wimmer ist die Form dagegen extrem knapp. Der Text ist viel kürzer, mit Kleinschreibung, Zeilenbrüchen und stark verdichteter Bildsprache. Das erzeugt ein anderes Tempo. Es wirkt härter, kalter, moderner. Wo Altenberg in einem atemlosen Redestrom kritisiert, arbeitet Wimmer mit Verdichtung und Schlagkraft. Die zentrale sprachliche Technik ist hier die Personifikation. Der Bankomat ist nicht einfach ein Gerät, sondern handelt. Er lacht. Er verhöhnt. Er pfeift gleichsam dem Menschen seine Macht ins Gesicht. Und genau dadurch dreht sich das Machtverhältnis um. Der Mensch wird anonymisiert – zunächst ist er nur „jemand“, später der „arme schlucker“. Das heißt: Je stärker das Objekt wird, desto kleiner wird der Mensch.

Besonders wichtig sind auch die sprachlichen Bilder in „bankomat“. Der Ausgabeschlitz wird mit einer „auster“ verglichen, also mit einer Auster. Normalerweise denkt man bei einer Auster vielleicht an etwas Wertvolles, an eine Perle. Hier aber steckt darin kein Schatz, sondern eine höhnische „austeritylache“. Dieses Kunstwort ist ein Neologismus und ein Wortspiel zugleich. Es verbindet Auster, Austerität, Lachen und ökonomische Härte. Genau dadurch entsteht eine Kritik an einer Welt, in der Geldsysteme und Sparlogiken Macht über Menschen ausüben.

Jetzt kommen wir zum wichtigsten Teil: zur vergleichenden gesellschaftskritischen Deutung. Und hier ist die stärkste Formel wirklich: Beide Texte zeigen die Macht des Geldes über Menschen – aber von zwei gegensätzlichen Seiten. Altenberg zeigt Menschen, die dem Geld hinterherrennen, obwohl sie gar nicht mehr wissen, wofür. Es geht um Konkurrenz, gesellschaftlichen Druck und die Leere eines Lebens, das nur noch nach Leistung und Verdienst organisiert ist. Wimmer zeigt dagegen den anderen Pol: einen Menschen, der das Geld nicht bekommt, das er braucht, und gerade dadurch erniedrigt wird. Dort ist Geld nicht Ziel, sondern Zugang – und dieser Zugang bleibt verschlossen.

Man könnte es auch so sagen: Altenberg kritisiert die Selbstunterwerfung unter die Logik des Geldes. Wimmer kritisiert die Ausgeliefertheit an ein Geldsystem, das Menschen zu Bittstellern macht. In „Verdienen“ machen sich die Leute selbst zu Verdienern, weil sie den Kreislauf nicht hinterfragen. In „bankomat“ wird der Mensch vom System klein gemacht, anonymisiert und ausgelacht. Beide Texte sind also gesellschaftskritisch, weil sie zeigen, dass Geld nicht neutral ist. Es bestimmt Denken, Verhalten, Status, Würde und Machtverhältnisse.

Wenn ihr das im Text stark formulieren wollt, könnt ihr sagen: Altenberg entlarvt eine Gesellschaft, in der Verdienen zum Selbstzweck geworden ist und das eigentliche Leben verdrängt. Wimmer entlarvt eine Gesellschaft, in der Geld und Apparate über Menschen verfügen und ihre Ohnmacht sichtbar machen. Damit zeigen beide Texte, dass Geld nicht bloß Zahlungsmittel ist, sondern eine Macht, die Menschen antreibt, verformt oder erniedrigt.

Ganz wichtig ist auch, dass ihr bei beiden Texten nicht nur bei der Oberfläche bleibt. Bei Altenberg geht es nicht einfach darum, dass Menschen Geld verdienen wollen. Das wäre banal. Die Kritik ist viel tiefer: Das Verdienen wird sinnleer, zwanghaft und endlos. Es ersetzt das Leben. Und bei Wimmer geht es nicht bloß um einen Bankomat, der nicht funktioniert. Das wäre auch zu oberflächlich. Der Text zeigt vielmehr, wie ein Mensch in einer vom Geld geregelten Welt auf seine Bedürftigkeit reduziert und zugleich verspottet wird.

Wenn ihr also eure Lösung schreibt, dann denkt an diese Struktur: Zuerst kurz die Inhalte. Dann die formale und sprachliche Analyse. Und dann unbedingt der Vergleich in Bezug auf die gesellschaftskritische Dimension. Genau dort müsst ihr zeigen, dass beide Texte zwei Seiten derselben Medaille sind. Die einen wollen immer mehr. Die anderen bekommen nicht einmal genug. Die einen jagen dem Geld hinterher. Die anderen werden vom Geldsystem weggelacht.

Und genau das ist die starke Pointe dieser Aufgabe: Beide Texte sprechen nicht nur über Geld. Beide Texte sprechen darüber, was Geld mit Menschen macht.

🚀

Kapitel 8

Tipps für deine eigene Lösung

Nicht nacheinander abarbeiten
Baue den Vergleich von Anfang an ein. Die Aufgabe will die gesellschaftskritische Dimension vergleichend sehen.
Form immer mit Gesellschaftskritik verbinden
Sprache und Form sind hier nicht Beiwerk, sondern tragen die Kritik.
Die Leitidee merken
Beide Texte zeigen die Macht des Geldes – aber aus zwei gegensätzlichen Perspektiven.
Wenige Mittel gut erklären
Lieber drei oder vier Beobachtungen sauber deuten als zehn Mittel nur aufzählen.
Checkliste
  • Hast du die Inhalte beider Texte kurz und treffend wiedergegeben?
  • Hast du bei Altenberg Wiederholung, Fragesätze, Ellipsen und Ironie erklärt?
  • Hast du bei Wimmer Personifikation, Neologismen und Anonymisierung gedeutet?
  • Hast du die gesellschaftskritische Dimension wirklich vergleichend herausgearbeitet?
  • Hast du klar gemacht: einmal Zwang zum Verdienen, einmal Ohnmacht ohne Geld?
  • Schreibst du durchgehend in der Gegenwartsform?
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