Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
- Beschreiben Sie kurz die Inhalte der beiden Texte.
- Analysieren Sie ihre formale und sprachliche Gestaltung.
- Deuten Sie die Texte vergleichend im Hinblick auf ihre gesellschaftskritische Dimension.
Kapitel 2
Was ist hier die eigentliche Herausforderung?
Diese Aufgabe wirkt auf den ersten Blick recht klar, aber sie ist tückisch. Warum? Weil die beiden Texte zwar beide mit Geld zu tun haben, aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven. In Verdienen geht es nicht um Armut, sondern um den sinnentleerten Zwang, immer mehr Geld zu verdienen, obwohl gar nicht klar ist, wofür eigentlich. In bankomat geht es dagegen um jemanden, der Geld braucht, aber keinen Zugriff darauf bekommt – und genau dadurch zum ohnmächtigen „armen schlucker“ wird.
Das Spannende ist also: Beide Texte sind gesellschaftskritisch, aber nicht auf dieselbe Weise. Altenberg kritisiert einen inneren gesellschaftlichen Mechanismus: Konkurrenzdruck, Nachahmung und die Leere des Verdienens um des Verdienens willen. Wimmer zeigt die äußere Gewalt eines Systems, in dem ein Mensch vom Geld und von den Apparaten des Geldsystems abhängig ist.
Eine starke Interpretation bringt genau diese zwei Perspektiven zusammen: Geld beherrscht Menschen – einmal als Zwang zum Immer-Mehr, einmal als Macht über die Bedürftigen.
Ömer sagt:
Der Trick der Aufgabe ist nicht: „Was sagen die Texte über Geld?“ Der Trick ist: „Wie unterschiedlich zeigen sie die Macht des Geldes?“ Wenn du das checkst, bist du schon ganz nah an einer starken Lösung.
Kapitel 3
So baust du deine Interpretation sinnvoll auf
Kapitel 4
Formale und sprachliche Gestaltung – worauf du achten musst
Altenbergs „Verdienen“ ist ein Prosatext ohne sichtbare Gliederung, aber mit einem sehr stark mündlich wirkenden Stil. Der Erwartungshorizont hebt hervor, dass der Text keine Absätze oder weitere Gliederung besitzt und dass durch Kursivschreibung einzelne Wörter besonders hervorgehoben werden. Gleichzeitig ist der Text voller Fragesätze, Ausrufe, Wiederholungen, Ellipsen und Parallelismen. Dadurch wirkt er atemlos, emotional, drängend und fast wie ein gesprochener Monolog.
Besonders wichtig ist die permanente Wiederholung von verdienen. Dieses Wort verliert dabei geradezu seinen Sinn und wird selbst zum Symbol der Leere. Altenberg nennt es sogar das „nichtssagendste, inhaltsloseste Wort“. Das zeigt: Der Text kritisiert nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch die Sprache einer Gesellschaft, die nur noch in Kategorien des Verdiensts denkt. :contentReference[oaicite:3]{index=3}
Wimmers „bankomat“ funktioniert ganz anders. Der Text ist extrem verknappt, arbeitet mit Kleinschreibung, Zeilenbrüchen und dichter Bildsprache. Die Alltagshandlung des Geldabhebens wird grotesk verzerrt. Der Bankomat wird personifiziert und zum eigentlichen Akteur, während der Mensch anonym bleibt: erst „jemand“, dann „arme[r] schlucker“. Dadurch kippt das Machtverhältnis. Nicht der Mensch kontrolliert das Gerät, sondern das Gerät demütigt den Menschen.
| Aspekt | Verdienen | bankomat |
|---|---|---|
| Textsorte/Form | Prosatext, dicht, ununterbrochener Fluss | stark verdichteter Kurztext, fast lyrisch |
| Spracheindruck | mündlich, atemlos, emotional, drängend | verknappt, hart, grotesk, modern |
| Zentrale Mittel | Wiederholung, Fragen, Ausrufe, Ellipsen, Ironie | Personifikation, Metapher, Neologismen, Wortspiel, Wiederholung |
| Wirkung | Der Verdienzwang erscheint sinnlos und nervös. | Der Mensch erscheint klein, das Geldsystem brutal und höhnisch. |
- Verdienen: Wiederholung, Ellipse, Fragesatz, Parallelismus, Ironie, Kursivierung, Diminutive
- bankomat: Personifikation, Metapher, Neologismus, Wortspiel, Paradoxon, Wiederholung von „lachen“
Kapitel 5
Die gesellschaftskritische Deutung – das ist der Kern
Der Erwartungshorizont ist beim Vergleich sehr eindeutig: Beide Texte thematisieren die Macht, die Geld über Menschen ausübt. Genau das muss in deiner Lösung deutlich werden. Aber ebenso wichtig ist der Unterschied zwischen beiden Texten. Altenberg zeigt Menschen, die dem Zwang des Verdienens folgen, obwohl sie gar nicht mehr wissen, wofür. Sie jagen einem leeren Begriff hinterher, getrieben vom Vergleich mit anderen. Wimmer zeigt dagegen eine Figur, die auf Geld angewiesen ist und gerade dadurch erniedrigt wird. :contentReference[oaicite:5]{index=5}
Bei Verdienen ist der gesellschaftskritische Punkt also: Eine Gesellschaft hat sich dem Konkurrenzdenken, der Leistung und dem Geld so sehr unterworfen, dass das eigentliche Leben verloren geht. Altenberg zählt mögliche Genüsse und schöne Dinge auf – Oper, Bücher, Gesäuse, Wolfgangsee –, aber gerade diese Möglichkeiten werden nicht wirklich genutzt. Das Leben wird dem endlosen Verdienen geopfert.
Bei bankomat ist der gesellschaftskritische Punkt ein anderer: Hier zeigt sich, dass Menschen in einem von Geld bestimmten System entwürdigt werden können. Der Bankomat ist nicht einfach ein Gerät, sondern eine Figur der Macht. Er lacht, verhöhnt, vertreibt. Der Mensch wird anonymisiert und zum „armen schlucker“ degradiert. Geld erscheint hier nicht als Ziel, sondern als Zugang zu Würde und Überleben – und gerade dieser Zugang bleibt versperrt.
| Gesellschaftskritischer Aspekt | Deutung |
|---|---|
| Verdienen | Kritik am sinnlosen Verdienen um des Verdienens willen, am Vergleich mit anderen und an der Selbstunterwerfung unter Leistungslogik. |
| bankomat | Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Menschen von Geld, Apparaten und ökonomischer Macht abhängig und entwürdigt werden. |
| Vergleich | Beide Texte zeigen die Macht des Geldes: einmal als inneren Zwang zum Immer-mehr, einmal als äußere Gewalt gegen diejenigen, die zu wenig haben. |
Ömer sagt:
Das ist die stärkste Vergleichsidee: Altenberg zeigt die Leute, die dem Geld hinterherrennen. Wimmer zeigt die Leute, die vom Geldsystem weggelacht werden. Beides ist gesellschaftskritisch – aber aus zwei komplett verschiedenen Richtungen.
Kapitel 6
So gelingt dir der Vergleich
| Vergleichspunkt | Verdienen | bankomat |
|---|---|---|
| Perspektive | Kritik an den Verdienenden selbst | Blick auf den Bedürftigen / Ohnmächtigen |
| Geld | Geld als leeres Ziel und Zwang | Geld als Machtmittel und Zugangssperre |
| Gesellschaftskritik | Konkurrenzdenken, Leistungszwang, Selbstaufgabe | Abhängigkeit, Demütigung, Macht der Verhältnisse |
| Menschenbild | Menschen machen sich selbst zu Verdienern | Menschen werden durch das System klein gemacht |
- Beide Texte zeigen die Macht des Geldes über Menschen.
- Altenberg kritisiert den sinnlosen Kreislauf des Verdienens, der aus Konkurrenzdruck entsteht.
- Wimmer zeigt dagegen die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem System, das über Geld funktioniert.
- Damit beleuchten beide Texte zwei Seiten derselben gesellschaftlichen Realität.
Kapitel 7
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe jetzt so an, dass wirklich klar wird, was von euch verlangt wird. Ihr habt hier zwei Texte, die beide mit Geld zu tun haben, aber eben nicht auf dieselbe Weise. Und genau das ist der Schlüssel. Die Aufgabe will nicht nur, dass ihr kurz sagt, worum es in „Verdienen“ und in „bankomat“ geht. Sie will vor allem, dass ihr versteht, wie beide Texte gesellschaftskritisch funktionieren – und dass ihr diese Gesellschaftskritik vergleichend herausarbeitet.
Fangen wir mit dem ersten Arbeitsauftrag an: den Inhalten. Bei Peter Altenberg geht es um Menschen, die nur noch verdienen wollen. Nicht, weil sie ein klares Ziel haben. Nicht, weil sie wissen, wofür sie das Geld brauchen. Sondern weil andere auch verdienen. Weil der Vergleich mit den anderen sie antreibt. Weil das Verdienen selbst zum Zwang geworden ist. Genau das steht im Text sehr deutlich: Er fragt immer wieder, wofür die Leute eigentlich dem Verdienst nachrennen. Und die Antwort ist im Grunde: für gar nichts Konkretes. Sie wollen verdienen, um zu verdienen, und dann wieder, und noch, bis man tot ist. Das ist ganz wichtig, weil genau darin die gesellschaftskritische Schärfe des Textes liegt.
Beim zweiten Text, also bei Herbert J. Wimmers „bankomat“, ist die Situation ganz anders. Hier geht es nicht um Menschen, die immer mehr wollen, sondern um jemanden, der schlicht Geld beheben will – und keines bekommt. Der Ablauf ist ganz alltäglich: Jemand eilt durch die Stadt, steckt die Karte in den Schlitz, tippt den Code ein. Aber dann kippt diese gewöhnliche Handlung völlig ins Groteske. Der Bankomat lacht. Nicht das Bargeld kommt freundlich heraus. Sondern der Automat wird zur höhnischen Machtfigur, die den Menschen geradezu auslacht und vertreibt. Das ist deshalb so stark, weil ein technischer Vorgang plötzlich in eine soziale Demütigung umschlägt.
Jetzt zum zweiten Arbeitsauftrag, also zur formalen und sprachlichen Gestaltung. Altenbergs Text ist ein Prosatext ohne sichtbare Gliederung. Er läuft fast wie ein einziger Schwall dahin. Und genau das ist kein Zufall. Diese Form passt zum Inhalt. Denn auch der Verdienzwang läuft ja scheinbar endlos weiter. Die Sprache wirkt emotional, mündlich, drängend. Es gibt viele Fragesätze, Ausrufe, Ellipsen und Wiederholungen. Besonders auffällig ist natürlich die Wiederholung des Wortes „verdienen“. Das Wort kommt so oft vor, dass es sich fast selbst aushöhlt. Genau das ist der Punkt: Das Wort verliert seinen Sinn und wird selbst zum Symbol einer leeren Gesellschaftslogik.
Außerdem arbeitet Altenberg mit einer sehr auffälligen direkten Ansprache. Mal spricht er von „er“, mal von „Du“, mal von „man“, mal von „Andere“. Dadurch wirkt der Text fast dialogisch. Und das ist wichtig, weil der Text die Leserinnen und Leser mit hineinzieht. Er spricht nicht über irgendeinen abstrakten Typus, sondern über eine Haltung, die in der Gesellschaft überall vorkommt und in die man sich auch selbst hineinlesen kann. Dazu kommen die vielen Beispiele für Dinge, die man sich eigentlich vom verdienten Geld leisten könnte: Oper, Gesäuse, Bücher, Taschentücher, Frauenwelt, Wolfgangsee, Nestchen, Motorboot. Das alles zeigt, dass es durchaus Dinge gäbe, die das Leben schön oder besonders machen könnten. Aber gerade diese Möglichkeiten werden nicht wirklich genutzt, weil das Verdienen selbst zum Selbstzweck geworden ist.
Bei Wimmer ist die Form dagegen extrem knapp. Der Text ist viel kürzer, mit Kleinschreibung, Zeilenbrüchen und stark verdichteter Bildsprache. Das erzeugt ein anderes Tempo. Es wirkt härter, kalter, moderner. Wo Altenberg in einem atemlosen Redestrom kritisiert, arbeitet Wimmer mit Verdichtung und Schlagkraft. Die zentrale sprachliche Technik ist hier die Personifikation. Der Bankomat ist nicht einfach ein Gerät, sondern handelt. Er lacht. Er verhöhnt. Er pfeift gleichsam dem Menschen seine Macht ins Gesicht. Und genau dadurch dreht sich das Machtverhältnis um. Der Mensch wird anonymisiert – zunächst ist er nur „jemand“, später der „arme schlucker“. Das heißt: Je stärker das Objekt wird, desto kleiner wird der Mensch.
Besonders wichtig sind auch die sprachlichen Bilder in „bankomat“. Der Ausgabeschlitz wird mit einer „auster“ verglichen, also mit einer Auster. Normalerweise denkt man bei einer Auster vielleicht an etwas Wertvolles, an eine Perle. Hier aber steckt darin kein Schatz, sondern eine höhnische „austeritylache“. Dieses Kunstwort ist ein Neologismus und ein Wortspiel zugleich. Es verbindet Auster, Austerität, Lachen und ökonomische Härte. Genau dadurch entsteht eine Kritik an einer Welt, in der Geldsysteme und Sparlogiken Macht über Menschen ausüben.
Jetzt kommen wir zum wichtigsten Teil: zur vergleichenden gesellschaftskritischen Deutung. Und hier ist die stärkste Formel wirklich: Beide Texte zeigen die Macht des Geldes über Menschen – aber von zwei gegensätzlichen Seiten. Altenberg zeigt Menschen, die dem Geld hinterherrennen, obwohl sie gar nicht mehr wissen, wofür. Es geht um Konkurrenz, gesellschaftlichen Druck und die Leere eines Lebens, das nur noch nach Leistung und Verdienst organisiert ist. Wimmer zeigt dagegen den anderen Pol: einen Menschen, der das Geld nicht bekommt, das er braucht, und gerade dadurch erniedrigt wird. Dort ist Geld nicht Ziel, sondern Zugang – und dieser Zugang bleibt verschlossen.
Man könnte es auch so sagen: Altenberg kritisiert die Selbstunterwerfung unter die Logik des Geldes. Wimmer kritisiert die Ausgeliefertheit an ein Geldsystem, das Menschen zu Bittstellern macht. In „Verdienen“ machen sich die Leute selbst zu Verdienern, weil sie den Kreislauf nicht hinterfragen. In „bankomat“ wird der Mensch vom System klein gemacht, anonymisiert und ausgelacht. Beide Texte sind also gesellschaftskritisch, weil sie zeigen, dass Geld nicht neutral ist. Es bestimmt Denken, Verhalten, Status, Würde und Machtverhältnisse.
Wenn ihr das im Text stark formulieren wollt, könnt ihr sagen: Altenberg entlarvt eine Gesellschaft, in der Verdienen zum Selbstzweck geworden ist und das eigentliche Leben verdrängt. Wimmer entlarvt eine Gesellschaft, in der Geld und Apparate über Menschen verfügen und ihre Ohnmacht sichtbar machen. Damit zeigen beide Texte, dass Geld nicht bloß Zahlungsmittel ist, sondern eine Macht, die Menschen antreibt, verformt oder erniedrigt.
Ganz wichtig ist auch, dass ihr bei beiden Texten nicht nur bei der Oberfläche bleibt. Bei Altenberg geht es nicht einfach darum, dass Menschen Geld verdienen wollen. Das wäre banal. Die Kritik ist viel tiefer: Das Verdienen wird sinnleer, zwanghaft und endlos. Es ersetzt das Leben. Und bei Wimmer geht es nicht bloß um einen Bankomat, der nicht funktioniert. Das wäre auch zu oberflächlich. Der Text zeigt vielmehr, wie ein Mensch in einer vom Geld geregelten Welt auf seine Bedürftigkeit reduziert und zugleich verspottet wird.
Wenn ihr also eure Lösung schreibt, dann denkt an diese Struktur: Zuerst kurz die Inhalte. Dann die formale und sprachliche Analyse. Und dann unbedingt der Vergleich in Bezug auf die gesellschaftskritische Dimension. Genau dort müsst ihr zeigen, dass beide Texte zwei Seiten derselben Medaille sind. Die einen wollen immer mehr. Die anderen bekommen nicht einmal genug. Die einen jagen dem Geld hinterher. Die anderen werden vom Geldsystem weggelacht.
Und genau das ist die starke Pointe dieser Aufgabe: Beide Texte sprechen nicht nur über Geld. Beide Texte sprechen darüber, was Geld mit Menschen macht.
Kapitel 8
Tipps für deine eigene Lösung
- Hast du die Inhalte beider Texte kurz und treffend wiedergegeben?
- Hast du bei Altenberg Wiederholung, Fragesätze, Ellipsen und Ironie erklärt?
- Hast du bei Wimmer Personifikation, Neologismen und Anonymisierung gedeutet?
- Hast du die gesellschaftskritische Dimension wirklich vergleichend herausgearbeitet?
- Hast du klar gemacht: einmal Zwang zum Verdienen, einmal Ohnmacht ohne Geld?
- Schreibst du durchgehend in der Gegenwartsform?
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