Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Situation: In deiner Klasse läuft ein Projekt zum Thema Lesen. Für die Projektteilnehmer/innen fasst du den Feuilletonbeitrag „Und auf einmal ist doch vieles möglich“ von Brigitte Schwens-Harrant (Die Furche, 2016) zusammen.
- Beschreiben Sie, wie das Als-ob-Spiel der Literatur funktioniert.
- Geben Sie wieder, welche Möglichkeiten Literatur Leserinnen und Lesern eröffnen kann.
Schreibe zwischen 270 und 330 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Zusammenfassung überhaupt?
Eine Zusammenfassung gibt die wichtigsten Inhalte eines Textes verkürzt, sachlich und in eigenen Worten wieder. Sie ist kein Aufsatz mit eigener Meinung und keine Nacherzählung, die jedes Detail mitnimmt. Die zentrale Schreibhandlung nennt der Erwartungshorizont „Deskription/Rekapitulation“ – beschreiben und wiedergeben.
Bei diesem Text ist die größte Falle das Nacherzählen der Alice-Geschichte und das Aneinanderreihen der vielen Zitate. Du musst stattdessen die dahinterstehenden Gedanken herausschälen. Die folgenden Merkmale gelten für jede Zusammenfassung.
Ömer sagt:
Frag dich bei jedem Beispiel: Was will die Autorin damit zeigen? Nicht „Alice sieht ein Kaninchen“ ist wichtig, sondern der Gedanke dahinter: Beim Lesen nehmen wir Wundersames einfach hin. Genau diesen Gedanken schreibst du auf.
Kapitel 3
So baust du deine Zusammenfassung auf
Kapitel 4
Worum geht es im Beitrag?
Die Autorin zeigt am Beispiel von Alice aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland, dass wir Wundersames beim Lesen akzeptieren und nicht hinterfragen. Die Lektüre literarischer Werke eröffnet einen Raum ungeahnter Möglichkeiten: Durch Fiktion wird vieles erlebbar, was in der Realität unerreichbar bleibt. So kann Literatur die Wirklichkeit erweitern und hinterfragen, andere Identitäten ausprobieren lassen und zum Nachdenken über die eigene Identität anregen.
Der Text liefert damit die zwei Bausteine der Aufgabe: das Wie des Lesens (das Als-ob-Spiel, Auftrag 1) und das Was (die Möglichkeiten, Auftrag 2).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Wie das Als-ob-Spiel funktioniert
Der erste Auftrag will, dass du beschreibst, wie das Als-ob-Spiel der Literatur funktioniert. Der Erwartungshorizont nennt drei Schritte:
- Beim literarischen Lesen nehme man Wundersames als selbstverständlich hin und akzeptiere die dargestellte Welt.
- Die Literaturwissenschaft bezeichne dies als „Zurückstellen des Zweifels“: Man wisse, dass die Geschichte erfunden sei, tue aber während der Lektüre so, als ob sie wahr wäre.
- Wer sich freiwillig auf dieses Als-ob-Spiel einlasse, dem eröffneten sich viele Möglichkeiten.
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Die Möglichkeiten der Literatur
Der zweite Auftrag verlangt, welche Möglichkeiten Literatur den Lesenden eröffnet. Das ist eine Aufzählung von Chancen – wähle die wichtigsten und ordne sie:
| Möglichkeit | Was Literatur den Lesenden eröffnet |
|---|---|
| Mangel überwinden | Fiktion hebt die Diskrepanz zwischen der begrenzten Wirklichkeit und den (maßlosen) Wünschen auf – man erlebt, was real unerreichbar bleibt. |
| Identitäten ausprobieren | Man kann in Figuren schlüpfen und ohne Konsequenzen andere Identitäten und Auffassungen ausprobieren. |
| Wirklichkeit hinterfragen | Es wird deutlich, dass auch die „Wirklichkeit“ ein Konstrukt ist. |
| Sich selbst reflektieren | Weil Identität nicht beständig ist, reflektiert man die eigene Identität (Alice fragt: „Wer bin ich denn dann?“). |
| Erkenntnis fürs Leben | Fiktion enthält Anspielungen auf die reale Welt und bringt so auch Erkenntnisse für das reale Leben. |
| Spannung & Rätsel | Informationen werden dosiert gegeben oder vorenthalten – Lesen wird zu lustvollem Rätseln. |
| Verweise entdecken | Geübte Leser/innen erkennen Zitate und Elemente aus anderen Werken und erschließen so verschiedene Lesarten. |
Ömer sagt:
Sieben Möglichkeiten sind viel. Nimm die vier, fünf stärksten – Identitäten ausprobieren, Wirklichkeit hinterfragen, sich selbst reflektieren, Spannung genießen – und formuliere sie klar. Vollständigkeit schlägt hier nicht Klarheit.
Kapitel 7
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Zusammenfassung: sachlich, in eigenen Worten, im Präsens – und keine eigene Meinung. Der Text ist ein Feuilletonbeitrag mit dem Titel „Und auf einmal ist doch vieles möglich“ von Brigitte Schwens-Harrant, erschienen 2016 in der Wochenzeitung Die Furche. Das gehört in deinen Basissatz.
Ganz wichtig vorweg: Dieser Text arbeitet mit vielen Beispielen und Zitaten – Alice im Wunderland, dazu Sartre, Vargas Llosa, Umberto Eco. Die große Falle ist, dass man die Alice-Geschichte nacherzählt oder ein Zitat nach dem anderen abschreibt. Das ist keine Zusammenfassung. Deine Aufgabe ist, den Gedanken hinter den Beispielen herauszuschälen.
Jetzt zum ersten Auftrag: Wie funktioniert das Als-ob-Spiel der Literatur? Der Grundgedanke ist ganz einfach. Beim Lesen nehmen wir Wundersames einfach hin. Alice sieht ein sprechendes Kaninchen und wundert sich nicht – sie liest, pardon, sie lebt einfach weiter, als ob das normal wäre. Die Literaturwissenschaft nennt das „suspension of disbelief“, auf Deutsch das Zurückstellen des Zweifels. Das heißt: Wir wissen genau, dass die Geschichte erfunden ist, aber wir tun während des Lesens so, als ob sie wahr wäre. Wir akzeptieren die Regeln der fiktiven Welt und lassen uns freiwillig darauf ein. Und dieses freiwillig ist wichtig: Niemand kann uns zum Lesen zwingen – wie es im Text heißt, „das Verb ‚lesen‘ duldet keinen Imperativ“. Wer sich aber einlässt, dem eröffnen sich viele Möglichkeiten. Und damit sind wir bei Auftrag zwei.
Der zweite Auftrag: Welche Möglichkeiten eröffnet Literatur den Lesenden? Hier zählst du die Chancen auf. Erstens: Literatur überwindet den Mangel an Möglichkeiten im echten Leben – in der Fiktion erleben wir, was real unerreichbar bleibt. Zweitens: Wir können in Figuren schlüpfen und ohne Konsequenzen andere Identitäten und Sichtweisen ausprobieren – wir können denken wie ein Held oder wie ein Schurke. Drittens: Literatur zeigt, dass auch die sogenannte Wirklichkeit ein Konstrukt ist, sie macht vieles fraglich. Viertens: Sie regt uns an, über die eigene Identität nachzudenken – so wie Alice sich fragt: „Wer bin ich denn dann?“ Fünftens: In der Fiktion stecken Anspielungen auf die reale Welt, also gewinnen wir auch Erkenntnisse fürs echte Leben. Sechstens: Lesen macht Spaß, weil Informationen dosiert werden – es entsteht Spannung, ein lustvolles Rätseln. Und siebtens: Geübte Leser erkennen Verweise auf andere Werke und entdecken so verschiedene Lesarten.
Zum Schluss der wichtigste Rat: Du musst nicht alle sieben Möglichkeiten nennen. Wähle die stärksten aus, formuliere sie klar in eigenen Worten und verzichte auf die Zitate. Ein einziges kurzes Beispiel – etwa Alice, die sich fragt, wer sie ist – reicht als Beleg. Halte dich an 270 bis 330 Wörter und trenne deine Absätze mit Leerzeilen. Dann hast du eine saubere Zusammenfassung, die den Kern des Textes trifft.
Kapitel 8
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Zusammenfassung mit einem Basissatz (Textsorte, Autorin, Titel, Quelle, Thema)?
- Hast du das Als-ob-Spiel erklärt (Zweifel zurückstellen, sich freiwillig einlassen)?
- Hast du mehrere Möglichkeiten der Literatur wiedergegeben (Identitäten, Wirklichkeit hinterfragen, Selbstreflexion, Spannung)?
- Hast du auf Nacherzählen und wörtliche Zitate verzichtet?
- Schreibst du durchgehend im Präsens und in eigenen Worten?
- Ist deine eigene Meinung wirklich draußen geblieben?
- Liegst du zwischen 270 und 330 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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