Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Lies den Kommentar „Wenn man sich im Job langweilt“ von Karin Bauer (Der Standard, 2019) und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:
- Beschreiben Sie die Phänomene Burnout und Boreout laut Textbeilage.
- Analysieren Sie den Aufbau sowie die sprachliche Gestaltung des Textes.
- Erschließen Sie mögliche Intentionen der Autorin.
Schreibe zwischen 405 und 495 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Textanalyse?
Eine Textanalyse untersucht, wie ein Text gemacht ist: seinen Inhalt, seinen Aufbau, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation und Explikation (erklären/deuten). Anders als die Zusammenfassung belegst du jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung.
Ömer sagt:
Bei nur rund 450 Wörtern zählt jedes Wort. Wähle pro Auftrag nur die stärksten Belege, deute sie knapp – und lass jede Wiederholung weg. Dichte schlägt hier Länge.
Kapitel 3
So baust du deine Textanalyse auf
Kapitel 4
Worum geht es im Kommentar?
Karin Bauer stellt die konstruierte Wirklichkeit der „neuen Arbeitswelt“ infrage, die „Entspannung, Gelassenheit und Happiness“ als neues Statussymbol propagiert. Mithilfe von Studien zeigt sie, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer/innen mit ihrem Job unzufrieden ist. Neben dem bekannten Burnout (Überforderung) sei auch Boreout (Langeweile/Unterforderung) weit verbreitet – mit ähnlich schädlichen Folgen für die Gesundheit, aber gesellschaftlich tabuisiert.
Für deine Analyse liefert das die Grundlage: die zwei Phänomene (Kap. 5), Aufbau und Sprache (Kap. 6) und die Intention (Kap. 7).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Burnout & Boreout
Beschreibe die beiden Phänomene am besten gegenüberstellend:
| 🔥 Burnout | 🥱 Boreout | |
|---|---|---|
| Ursache | Chronische Überforderung: zu viel/zu dichte Arbeit, wenig Wertschätzung, mühsame Kunden, Termindruck, Informationsüberflutung, fehlender Sinn. | Chronische Unterforderung: zu wenig oder gar keine Arbeit, monotone Tätigkeit ohne erkennbaren Sinn. |
| Symptome | Ähnlich bis gleich: Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Abstumpfung – beide machen krank. | |
| Verbreitung | Bis zu 30 % erleben Burnout-Zeichen; hohe Betroffenheit auch bei jungen Menschen. | Rund 60 % langweilen sich laut Umfrage im Job chronisch. |
| Gesellschaftl. Umgang | Bekannt und anerkannt – fast eine „Medaille auf dem Schlachtfeld der Leistungsgesellschaft“ (Z. 136–138). | Kaum bekannt und tabuisiert – wird verschwiegen und in „echt stressiges Berufsleben“ umgedeutet. |
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Aufbau & sprachliche Gestaltung
Teil A: der Aufbau. Die Zwischenüberschriften geben die Struktur vor:
| Abschnitt | Inhalt |
|---|---|
| Dachzeile / Titel / Lead | Stellen dem „neuen Narrativ“ der „fröhlich-chilligen“ Arbeitswelt die Themen Burnout und Boreout gegenüber. |
| Einstieg (Z. 1–54) | Ironisches Bild der glücklichen „Happiness“-Arbeitswelt – im Kontrast zur realen Unzufriedenheit vieler Arbeitnehmer/innen. |
| „Beunruhigende Zahlen“ (Z. 55–93) | Symptome von Burnout und Zahlen zur Betroffenheit aus mehreren Studien. |
| „Sitzen, warten, Däumchen drehen“ (Z. 94–148) | Das Phänomen Boreout, seine Verbreitung und der Vergleich mit Burnout. |
| „Boreout geht gar nicht“ (Z. 149–194) | Die Tabuisierung von Boreout – gleiche Symptome, aber keine gesellschaftliche Anerkennung. |
| Schluss (Z. 195–225) | Appell: Bedeutung von Empathie und Beziehungsfähigkeit; Rückverweis auf den Anfang. |
Teil B: die Sprache. Auffällig ist der durchgehend ironische Ton – analysiere mit Beleg und Wirkung:
| Sprachliches Mittel | Beispiel (Beleg) | Wirkung |
|---|---|---|
| Ironische Anglizismen | „chillig“, „Happiness“, „Smoothies“, „Flow“, „coole Jobs“ (Z. 3–17) | Karikieren das geschönte Bild der „neuen Arbeitswelt“. |
| Ausrufe & Ellipsen | „Wahnsinn.“ (Z. 1); „Juchhu“ (Z. 18); „Seid doch froh!“ (Z. 116) | Verstärken die Ironie und geben dem Kommentar Tempo und Biss. |
| Studien & Institutionen | „EU-Gesundheitsagentur OSHA“ (Z. 60 f.), „Arbeiterkammer Oberösterreich“ (Z. 73–75) | Belegen die Kritik wissenschaftlich und geben ihr Gewicht. |
| Antithese | „Entspannung, Gelassenheit und Happiness“ (Z. 20 f.) vs. „Kopfschmerzen … Suizidgedanken, … Erschöpfungszustände“ (Z. 63–68) | Kontrastiert das Ideal scharf mit der belastenden Wirklichkeit. |
| Metaphern | „Medaille auf dem Schlachtfeld der Leistungsgesellschaft“ (Z. 136–138); „Kerker der sinnentleerten Langeweile“ (Z. 213 f.) | Machen die Anerkennung von Burnout und die Not der Boreout-Betroffenen anschaulich. |
| Personifikation / Vergleich | Boreout „wie die Schwester Burnout“ (Z. 127 f.) | Verdeutlicht die enge Verwandtschaft der beiden Phänomene. |
| Neologismen / Komposita | „Brauchbarkeitsfetisch“ (Z. 101); „Dauerfadisierte“ (Z. 182) | Verdichten die Kritik pointiert – typisch für einen Kommentar. |
| Rhetorische Fragen | „Wie machen die das?“ (Z. 1 f.); „wer outet sich da?“ (Z. 152) | Ziehen die Lesenden in die Argumentation hinein. |
- „Mit der Metapher, Burnout sei eine ‚Medaille auf dem Schlachtfeld der Leistungsgesellschaft‘ (Z. 136–138), kritisiert Bauer ironisch, dass Überarbeitung als Statussymbol gilt.“
- Nicht so: „Der Text hat viele Anglizismen und Ironie.“ (ohne Beleg und Wirkung)
Kapitel 7
Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen
Leite aus deiner Analyse ab, was die Autorin erreichen will:
Ömer sagt:
Der ironische Einstieg mit den „Happiness“-Fotos ist kein Selbstzweck: Er dient dazu, das geschönte Bild zu entlarven. Verknüpfe die Intention immer mit deinen sprachlichen Funden.
Kapitel 8
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse. Der Text ist der Kommentar „Wenn man sich im Job langweilt“ von Karin Bauer, erschienen 2019 im Standard. Das gehört in deinen Basissatz. Und ganz wichtig, weil es hier leicht übersehen wird: Diesmal sind es nur 405 bis 495 Wörter. Du musst also besonders knapp und dicht schreiben. Die Zauberformel bleibt trotzdem: Mittel, Beleg, Wirkung.
Der erste Auftrag: Beschreibe Burnout und Boreout. Am besten stellst du sie einander gegenüber. Burnout kommt von der Überforderung: zu viel Arbeit, kein Sinn, Termindruck, keine Wertschätzung. Boreout ist das Gegenteil: die Unterforderung. Man hat zu wenig oder gar nichts zu tun, langweilt sich chronisch, macht monotone, sinnlose Arbeit. Das Interessante: Beide haben ähnliche Symptome und machen krank. Der große Unterschied liegt im gesellschaftlichen Umgang. Burnout ist anerkannt, fast schon ein Statussymbol – die Autorin nennt es eine „Medaille auf dem Schlachtfeld der Leistungsgesellschaft“. Boreout dagegen ist ein Tabu, man verschweigt es, weil niemand zugeben will, dass er im Job überflüssig ist.
Der zweite Auftrag: Aufbau und Sprache. Beim Aufbau helfen dir wieder die Zwischenüberschriften. Es beginnt mit einem sehr ironischen Einstieg über die angeblich so glücklichen, chilligen Menschen mit den coolen Jobs. Dann kommt „Beunruhigende Zahlen“ mit den Burnout-Studien, danach „Sitzen, warten, Däumchen drehen“ über das Boreout, und „Boreout geht gar nicht“ über die Tabuisierung. Am Ende ein Appell über Empathie und Beziehungsfähigkeit, der auf den Anfang zurückverweist. Bei der Sprache ist das Prägende die Ironie. Die Autorin benutzt lauter Anglizismen aus der Werbewelt – „Happiness“, „chillig“, „Flow“, „Smoothies“ –, um das geschönte Bild der Arbeitswelt lächerlich zu machen. Dazu Ausrufe wie „Juchhu“ und „Seid doch froh!“, scharfe Antithesen zwischen dem Ideal und der belasteten Wirklichkeit, kräftige Metaphern wie die „Medaille“ oder der „Kerker der sinnentleerten Langeweile“, und clevere Wortneuschöpfungen wie „Brauchbarkeitsfetisch“ oder „Dauerfadisierte“. Und ganz wichtig: Sie stützt ihre Kritik immer wieder mit konkreten Studien und Institutionen, das gibt ihr Gewicht. Wähle die stärksten Mittel und deute jedes kurz in seiner Wirkung.
Der dritte Auftrag: die Intention. Bauer will informieren – vor allem über das tabuisierte Boreout. Sie will Kritik üben – an den Arbeitsverhältnissen, an der Selbstoptimierung und am geschönten Bild der Arbeitswelt. Sie will zur Reflexion anregen, etwa über den eigenen Arbeitsplatz und über Empathie. Sie will überzeugen, beides ernst zu nehmen und auf sich selbst zu achten. Und sie unterhält durch ihre Ironie. Begründe jede Absicht mit deinen Beobachtungen.
Zum Schluss der wichtigste Rat: Achte auf die kürzere Wortanzahl, 405 bis 495 Wörter. Schreib dicht, sachlich, im Präsens, mit knappen Belegen und Zeilenangaben, und mach für jeden Auftrag einen Absatz. Dann hast du eine starke, kompakte Textanalyse.
Kapitel 9
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autorin, Titel, Jahr, Thema)?
- Hast du Burnout und Boreout beschrieben und gegenübergestellt (Über- vs. Unterforderung)?
- Hast du den Aufbau mit den Zwischenüberschriften dargestellt?
- Analysierst du die (ironische) Sprache – mit Beleg und Wirkung?
- Hast du die Intention erschlossen (informieren, kritisieren, unterhalten)?
- Schreibst du sachlich, im Präsens und ohne eigene Meinung?
- Liegst du zwischen 405 und 495 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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