Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Lies den „Nachruf“ „Zu Ehren einer Pappel“ von Matthias Winterer (Wiener Zeitung, 2018) und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:
- Geben Sie wieder, was die Pappel für den Autor bedeutet.
- Analysieren Sie den Aufbau und die sprachliche Gestaltung des Textes.
- Erschließen Sie mögliche Intentionen des Autors.
Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Textanalyse?
Eine Textanalyse untersucht, wie ein Text gemacht ist: seinen Inhalt, seinen Aufbau, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation und Explikation (erklären/deuten). Anders als die Zusammenfassung belegst du jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung.
Auch ein literarischer, gefühlvoller Text wird analysiert, nicht nacherzählt: Du fragst, mit welchen Mitteln der Autor die Erinnerung und die Emotion erzeugt.
Ömer sagt:
Ein emotionaler Text verführt zum Mitschwärmen. Bleib Analytiker: Wenn dich eine Stelle berührt, frag sofort, womit – ein Vergleich? Eine Anapher? Ein Sinneseindruck? Genau das ist deine Analyse.
Kapitel 3
So baust du deine Textanalyse auf
Kapitel 4
Worum geht es im Text?
Matthias Winterer erinnert sich an eine Pappel, die sein Großvater in den 1950er-Jahren mitten im Dorf gepflanzt hat. Der Baum ist mit der Familiengeschichte und der Dorfgemeinschaft verwoben und begleitet die Entwicklung des Autors von der Kindheit an. Der Text schildert die vielen Erfahrungen und Gefühle, die diese Beziehung geprägt haben, und endet mit der Trauer, als der Baum wenige Jahre nach dem Tod des Großvaters gefällt werden muss.
Für deine Analyse liefert das die Grundlage: die Bedeutung (Kap. 5), Aufbau und Sprache (Kap. 6) und die Intention (Kap. 7).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Was die Pappel für den Autor bedeutet
Gib wieder, wofür die Pappel für den Autor steht:
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Aufbau & sprachliche Gestaltung
Teil A: der Aufbau. Der Text ist als Rahmen gebaut: Der Großvater steht am Anfang und am Ende und umschließt die Kindheitserinnerungen im Hauptteil.
| Abschnitt | Inhalt |
|---|---|
| Einstieg (Z. 1–20) | Der Großvater pflanzt die Pappel; Verbundenheit mit der Familiengeschichte. |
| Hauptteil (Z. 21–135) | Pappel als Bewunderung und sportliche Herausforderung, im Wechsel der Jahreszeiten; Bedeutung für die Dorfgemeinschaft (mit Sachexkurs zur Zitterpappel); Pappel als Zentrum der Kindheitserinnerungen. |
| Schluss (Z. 136–164) | Rückkehr zur Familiengeschichte: Tod des Großvaters – und das Fällen der Pappel. |
Teil B: die Sprache. Der Autor macht die Erinnerung mit vielen Mitteln lebendig:
| Sprachliches Mittel | Beispiel (Beleg) | Wirkung |
|---|---|---|
| Sinneswahrnehmungen | „riechen“ (Z. 73), „spüren“ (Z. 120), „schmecken“ (Z. 124); der Holundersaft, der Schweiß der Sommer | Machen die Erinnerung körperlich erfahrbar und lebendig. |
| Vergleiche | der Stamm „wie eine graue, rissige Säule aus Beton“ (Z. 49 f.); die Krone „wie eine riesige grüne Sonne“ (Z. 61 f.) | Veranschaulichen die Pappel anschaulich aus kindlicher Perspektive. |
| Personifikation | „Gnadenlos warf sie mich jedes Mal aufs Neue ab“ (Z. 41 f.); die Äste „rastlos und aufgewühlt“ (Z. 66) | Machen die Pappel zu einem lebendigen Gegenüber des Kindes. |
| Anapher | „In ihrem Schatten feierten die Bauern … In ihrem Schatten spielten wir Kinder …“ (Z. 76–81) | Betont die Rolle der Pappel als Zentrum der Dorfgemeinschaft. |
| Ellipse | „Für den Blauwal. Für das Mammut. Für den Stegosaurus.“ (Z. 105–107) | Knappe, staunende Aufzählung – kindliche Vorstellung von Größe. |
| Antithese | „starr … erloschen, beinahe tot“ (Z. 49–51) vs. „dynamisch“ (Z. 52) | Kontrastiert den starren Stamm mit der lebendigen Krone. |
| Sachlicher Exkurs (Kontrast) | „Im … Utah wachsen 47 000 Stämme ein und derselben Zitterpappel“ (Z. 91–97) | Der nüchterne Ton hebt sich vom emotionalen Rest ab und unterstreicht die besondere Bedeutung der Pappel. |
| Paradoxon & Rahmen-Variation | „Ein letzter Blitz spaltete ihren so unverwüstlichen Stamm“ (Z. 157 f.); „Sie zog mich an“ (Z. 21) / „Sie zog sie [die Blitze] an“ (Z. 155) | Das Bild des „Unverwüstlichen“, das doch zerbricht, und die Wiederkehr des Satzes verbinden Anfang und Ende zum Thema Vergänglichkeit. |
- „Durch die Personifikation ‚Gnadenlos warf sie mich jedes Mal aufs Neue ab‘ (Z. 41 f.) wird die Pappel zu einem lebendigen Gegenspieler, an dem das Kind wächst und scheitert.“
- Nicht so: „Der Autor beschreibt schön, wie er auf den Baum klettern wollte.“ (nacherzählt, ohne Analyse)
Kapitel 7
Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen
Leite aus deiner Analyse ab, was der Autor erreichen will:
Ömer sagt:
Der Titel verrät die Intention: Es ist ein „Nachruf“. Verknüpfe das mit deinen Funden – der Rahmen um den Großvater, das Paradoxon vom „unverwüstlichen“ Stamm, die Tränen am Ende: All das dient dem Erinnern, Trauern und Würdigen.
Kapitel 8
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse. Diesmal ist der Text aber kein scharfer Kommentar, sondern ein sehr persönlicher, gefühlvoller Text: der „Nachruf“ „Zu Ehren einer Pappel“ von Matthias Winterer, erschienen 2018 in der Wiener Zeitung. Das gehört in deinen Basissatz. Und obwohl der Text so emotional ist, bleibt deine Aufgabe analytisch: Mittel, Beleg, Wirkung.
Gleich die wichtigste Warnung: Dieser Text ist so schön zu lesen, dass man ihn am liebsten einfach nacherzählen würde. Genau das ist der Fehler. Deine Aufgabe ist, zu zeigen, wie der Autor diese starken Gefühle erzeugt.
Der erste Auftrag: Was bedeutet die Pappel für den Autor? Sie ist für ihn viel mehr als ein Baum. Sie steht für seinen Großvater, der sie gepflanzt hat, sie ist Teil der Familiengeschichte, über mehrere Generationen. Sie war das Zentrum des Dorfes, wo die Bauern feierten und die Kinder Fußball spielten. Sie ist der Bezugspunkt seiner Kindheit und weckt ein ganzes Spektrum an Gefühlen – Faszination, aber auch Scheitern beim Klettern, Angst in der Dämmerung, Leichtigkeit in den Sommerferien und am Ende Trauer. Und für das Kind war sie sogar der Maßstab für alles Große: für den Blauwal, das Mammut, den Stegosaurus.
Der zweite Auftrag: Aufbau und Sprache. Beim Aufbau ist das Wichtigste die Rahmenstruktur. Der Großvater steht am Anfang, wo er die Pappel pflanzt, und am Ende, wo er stirbt und die Pappel gefällt wird. Dazwischen, im Hauptteil, liegen die Kindheitserinnerungen. Dieser Rahmen verbindet den Baum und den Großvater zum Thema Vergänglichkeit. Bei der Sprache achte auf die vielen Sinneseindrücke – man riecht die nassen Blüten, schmeckt den Holundersaft, spürt den Schweiß. Das macht die Erinnerung körperlich. Dann die vielen Vergleiche und Personifikationen: Der Stamm ist wie eine Betonsäule, die Krone wie eine grüne Sonne, und die Pappel wirft das Kind „gnadenlos“ ab, als wäre sie ein lebendiger Gegner. Auffällig ist auch die Anapher „In ihrem Schatten …“, die zeigt, wie sehr die Pappel das Dorfleben trägt. Und ein besonderer Kunstgriff: Mitten im emotionalen Text steht ein nüchterner Sachabsatz über die Zitterpappel als größtes Lebewesen der Welt – dieser Kontrast unterstreicht die Bedeutung. Am Ende das Paradoxon vom „unverwüstlichen“ Stamm, der doch gespalten wird, und die Wiederkehr des Satzes „Sie zog mich an“, der am Schluss zu „Sie zog sie – die Blitze – an“ wird.
Der dritte Auftrag: die Intention. Der Titel sagt es schon: Es ist ein „Nachruf“. Der Autor will erinnern und würdigen, er verarbeitet die Trauer über den Tod des Großvaters und den Verlust des Baumes, er macht die enge Verbindung von Mensch und Natur bewusst und lässt uns die Endlichkeit alles Lebendigen spüren. Begründe jede dieser Absichten mit deinen Beobachtungen.
Zum Schluss der wichtigste Rat: 540 bis 660 Wörter, sachlich, im Präsens, mit Zitaten und Zeilenangaben. Lass dich vom schönen Text nicht zum Nacherzählen verführen – analysiere, wie er wirkt. Dann hast du eine starke Textanalyse.
Kapitel 9
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autor, Titel, Jahr, Thema)?
- Hast du wiedergegeben, was die Pappel für den Autor bedeutet?
- Hast du die Rahmenstruktur (Großvater am Anfang/Ende) dargestellt?
- Analysierst du die Sprache (Sinneseindrücke, Vergleiche, Personifikation) – mit Beleg und Wirkung?
- Hast du die Intention erschlossen (erinnern, trauern, Mensch & Natur)?
- Schreibst du sachlich und im Präsens – ohne Nacherzählen und ohne eigene Meinung?
- Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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