Textsorte Textanalyse · Maturabeispiel 2021

Textanalyse zum Essay „Sind wir alle Voyeure?“
von Ernst Sittinger

Diese Seite begleitet dich bei der Matura-Aufgabe, Ernst Sittingers Essay über die „Schaulust“ zu analysieren. Du lernst, wie du die Problematik beschreibst, den Aufbau der Argumentation und die sprachliche Gestaltung untersuchst und daraus mögliche Intentionen erschließt – sachlich, im Präsens und mit Textbelegen.

📖 12. Schulstufe 🎓 Deutsch – Textanalyse 🧩 Aufgabe + Lösung verlinkt 📱 Schaulust & Medien
Sara Ömer
Ömer

🎧 Ömer erklärt · Hör zuerst rein!

„Sind wir alle Voyeure?“ analysieren – Ömers Audio-Erklärung

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Kapitel 1

Die Aufgabenstellung richtig lesen

⚠️ Der häufigste Fehler
Auftrag 2 verlangt zwei Dinge zugleich: den Aufbau der Argumentation und die sprachliche Gestaltung. Viele analysieren nur die Stilmittel und vergessen, wie der Autor seine Argumentation Schritt für Schritt entwickelt. Plane beides ein – und belege wie immer mit Zitat, Zeile und Wirkung.
Offizieller Arbeitsauftrag

Lies den Essay „Sind wir alle Voyeure?“ von Ernst Sittinger (Kleine Zeitung, 2018) und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:

  1. Beschreiben Sie die Problematik, die in der Textbeilage dargestellt wird.
  2. Untersuchen Sie den Aufbau der Argumentation und die sprachliche Gestaltung des Essays.
  3. Erschließen Sie mögliche Intentionen des Autors.

Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.

1
Problematik beschreiben
Gib das Problem wieder: Smartphone und soziale Medien verstärken die menschliche Schaulust; Gaffer behindern Rettungskräfte und stellen Unfallopfer bloß.
💡 Kern: Nicht die Technik, sondern der Mensch ist das Problem.
2
Aufbau + Sprache untersuchen
Zeige, wie die Argumentation aufgebaut ist (vom Beispiel über die Ursachen zum Appell) UND mit welchen sprachlichen Mitteln der Autor arbeitet.
🧠 Zwei Teilaufgaben in einem – beide bearbeiten!
3
Intentionen erschließen
Leite aus der Analyse ab, was der Autor will: Kritik üben, Problembewusstsein schaffen, zu mehr Empathie aufrufen – und auch unterhalten.
🎯 Immer aus der Analyse begründen.
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Aufgabenblatt – Sind wir alle Voyeure?
Haupttermin 2021 · Deutsch · Thema 3 / Aufgabe 1 · inkl. Essaytext
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Lösungshinweise / Erwartungshorizont
Offizielle Musterlösung – Grundlage dieser Erklärung
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Kapitel 2

Was ist eine Textanalyse?

Eine Textanalyse untersucht, wie ein Text gemacht ist: seinen Inhalt, seinen Aufbau, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Anders als die Zusammenfassung geht es um das Wie und Wozu. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation und Explikation (erklären/deuten).

Der entscheidende Unterschied zur Zusammenfassung: Du belegst jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung. Die folgenden Merkmale gelten für jede Analyse.

✅ Sachlich & im Präsens
Analytischer Stil in der Gegenwart: „Der Essay argumentiert …“, „Die Metapher bewirkt …“.
✅ Mit Textbelegen
Jede Aussage mit Zitat und Zeilenangabe stützen (z. B. „moralischer Bankrott“, Z. 64).
✅ Stilmittel + Wirkung
Nie nur benennen. Immer: Mittel → Beleg → Wirkung.
✅ Aufbau nicht vergessen
Hier ist der Argumentationsverlauf ein eigener Analysepunkt – nicht nur die Stilmittel.
✅ Keine eigene Meinung
Auch die Intention wird belegt, nicht „gefühlt“.
✅ Basissatz am Anfang
Textsorte, Autor, Titel, Erscheinungsjahr und Thema in einem einleitenden Satz.
Ömer

Ömer sagt:

Zauberformel: Mittel – Beleg – Wirkung. Und beim Aufbau denk in Schritten: Wo beginnt der Autor, wie führt er weiter, wo steigert er sich, wo endet er? Ein Essay ist wie ein Weg – beschreibe die Stationen.

🗂️

Kapitel 3

So baust du deine Textanalyse auf

1
Einleitung / Basissatz
Nenne Textsorte, Autor, Titel, Erscheinungsjahr und Thema und formuliere die Kernaussage.
Beispiel: In seinem Essay „Sind wir alle Voyeure?“ (2018) kritisiert Ernst Sittinger die durch Smartphones verstärkte Schaulust und plädiert für eine „Kultur der Mitmenschlichkeit“.
2
Hauptteil A – Problematik
Beschreibe das dargestellte Problem (Auftrag 1).
3
Hauptteil B – Aufbau + Sprache
Untersuche den Argumentationsverlauf und die sprachlichen Mittel (Auftrag 2). Der umfangreichste Teil.
4
Hauptteil C / Schluss – Intention
Erschließe die Absichten des Autors (Auftrag 3).
📝
Wortanzahl & Absätze
Verlangt sind 540 bis 660 Wörter. Markiere die Absätze mit Leerzeilen. Weil Auftrag 2 doppelt ist (Aufbau + Sprache), plane dafür den meisten Platz ein.
📰

Kapitel 4

Worum geht es im Essay?

Ernst Sittinger übt scharfe Kritik am Phänomen der „Schaulust“, das durch Smartphone und soziale Medien noch verstärkt wird. Sein Ausgangspunkt: Immer öfter behindern „Gaffer“ mit gezückten Handykameras Rettungseinsätze und stellen Unfallopfer im Netz bloß. Der Autor fragt nach den Gründen für dieses Verhalten und plädiert am Ende für eine „Kultur der Mitmenschlichkeit“.

Für deine Analyse liefert das die Grundlage: die Problematik (Kap. 5), Argumentationsaufbau und Sprache (Kap. 6) und die Intention (Kap. 7).

Gut zu wissen – der Text
Ernst Sittinger ist ein österreichischer Journalist. Der Text ist ein Essay (bzw. Kommentar) aus der Kleine Zeitung (2018). Zentrale Begriffe: Voyeurismus (krankhafte Schaulust), bystander effect (Zuschauer-Effekt: je mehr Zuschauer, desto weniger Hilfe), „Publico, ergo sum“ (Wortspiel zu Descartes: „ich veröffentliche, also bin ich“).
Tipp: Dass es ein meinungsstarker Essay ist, erklärt die wertende Sprache und die vielen rhetorischen Fragen.
1️⃣

Kapitel 5

Arbeitsauftrag 1 – Die Problematik

Beschreibe knapp das Problem, das der Essay behandelt:

Schaulust wird verstärkt
Die dem Menschen angeborene Neigung zu Sensationsgier und Schaulust wird durch Smartphone und soziale Medien potenziert.
Gaffer behindern Helfer
Schaulustige filmen und fotografieren Unfallopfer, behindern dabei Rettungskräfte und veröffentlichen das Material im Internet.
Opfer werden bloßgestellt
Verletzte werden im Netz zur Schau gestellt – die Würde der Opfer bleibt auf der Strecke.
Der Mensch, nicht die Technik
Der Autor macht nicht die Technik verantwortlich, sondern ihre Nutzer/innen – und plädiert für mehr Mitmenschlichkeit.
2️⃣

Kapitel 6

Arbeitsauftrag 2 – Aufbau der Argumentation & Sprache

Teil A: der Aufbau der Argumentation. Der Essay entwickelt sein Thema schrittweise – vom konkreten Anlass über die Ursachen bis zum Appell:

AbschnittArgumentationsschritt
Z. 1–11Grundthese: Nicht die Technik, sondern der Mensch als „Bedienelement“ ist das Problem.
Z. 12–42Anlass/Beispiel: Gaffer behindern Rettungskräfte und filmen Unfallopfer.
Z. 43–68Steigerung: gesetzliche Maßnahmen gegen „Gaffer“; die Schaulust als „moralischer Bankrott“ der Zivilisation.
Z. 69–198Ursachensuche: angeborener Trieb, „Angstlust“, bystander effect, Allgegenwart von Kameras, Selbstdarstellung in sozialen Medien, Mitverantwortung der Medien.
Z. 199–210Appell: Plädoyer für eine „Kultur der Mitmenschlichkeit“ gegen die „soziale Entgrenzung“.
Z. 211–226Ausblick: Hoffnung, weil Menschen inzwischen ihrerseits „Gaffer“ öffentlich anprangern.

Teil B: die sprachliche Gestaltung. Der Autor versucht, die Leser/innen zu gewinnen – mit diesen Mitteln:

Sprachliches MittelBeispiel (Beleg)Wirkung
„Wir“-Ansprache„Sind wir alle Voyeure?“ (Titel); „niemand ist immun“ (Z. 75–78)Macht die Schaulust zum gemeinsamen Problem, das alle betrifft – auch die Lesenden.
Wertende Adjektive/Nomen„sensationslüsterne Gaffer“ (Z. 16), „seelenlose Voyeure“ (Z. 70), „plumpe Sensationsgier“ (Z. 184)Bringen die scharfe Kritik des Autors unmittelbar zum Ausdruck.
Neologismen & Wortspiele„Universalkörperteil“ (Z. 5 f.), „schaurige Schau-Lust“ (Z. 59), „Publico, ergo sum“ (Z. 169 f.)Prägnant, einprägsam und unterhaltend – sie schärfen die Kritik und gefallen zugleich.
Rhetorische Fragen„Sind wir seelenlose Voyeure? Ist der Mensch noch ein mitfühlendes Wesen?“ (Z. 69–72)Regen die Lesenden zur Reflexion an und lenken die Argumentation.
Metaphern„moralischer Bankrott“ (Z. 64); „Das Leben ist ein Bilderbuch“ (Z. 160 f.)Veranschaulichen abstrakte Vorgänge – den Verlust an Moral und die Bilderflut.
Register-MischungAlltagssprache („glotzende Massen“, Z. 38 f.) neben Bildungssprache („Panoptikum“, „Nihilismus“)Der Kontrast macht den Text lebendig und zugleich gedanklich anspruchsvoll.
Oxymoron / Paradoxon„Angstlust“ (Z. 115 f.), „interessierte Ignoranz“ (Z. 136 f.)Fassen widersprüchliches menschliches Verhalten pointiert zusammen.
Alliteration / Parallelismus„Drohnen blicken … Satelliten starren … Wildtierkameras setzen …“ (Z. 149–153)Verstärken die Aussage und veranschaulichen die Allgegenwart der Kameras.
✅ So sieht ein guter Analysesatz aus
  • „Durch die ‚Wir‘-Ansprache im Titel ‚Sind wir alle Voyeure?‘ bezieht Sittinger die Leser/innen ein und macht die Schaulust zu einem Problem, das niemanden ausnimmt.“
  • Nicht so: „Es gibt Metaphern und rhetorische Fragen.“ (ohne Beleg und Wirkung)
3️⃣

Kapitel 7

Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen

Leite aus deiner Analyse ab, was der Autor erreichen will. Mehrere Absichten wirken zusammen:

Kritik & Problembewusstsein
Er kritisiert das Verhalten der Schaulustigen und will ein Bewusstsein für das Phänomen und seine Folgen schaffen.
Erklären
Er liefert Erklärungen (Trieb, Angstlust, bystander effect …), damit die Mechanismen bewusst durchbrochen werden können.
Zur Reflexion anregen
Über die vielen „Wir“-Fragen regt er die Leser/innen an, das eigene Verhalten zu hinterfragen.
Appellieren & unterhalten
Er ruft zu mehr Empathie auf – und unterhält zugleich durch Wortspiele und Neologismen.
Ömer

Ömer sagt:

Verknüpfe die Intention mit deinen Funden: Aus den wertenden Wörtern folgt die Kritik, aus den „Wir“-Fragen die Reflexionsabsicht, aus dem Appell am Ende der Aufruf zur Mitmenschlichkeit, aus den Wortspielen die Unterhaltung.

🎙️

Kapitel 8

Ömers ausführlicher Erklärungstext

Ömer erklärt – ausführlicher Sprechtext für 1.mp3

Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse. Du fragst also nicht nur, worum es geht, sondern wie der Text gemacht ist und wozu. Der Text ist der Essay „Sind wir alle Voyeure?“ von Ernst Sittinger aus der Kleinen Zeitung, 2018. Das gehört in deinen Basissatz. Und die Zauberformel bleibt: Mittel, Beleg, Wirkung.

Der erste Auftrag: Beschreibe die Problematik. Es geht um die Schaulust, die durch Smartphones und soziale Medien verstärkt wird. Der konkrete Anlass: Sogenannte Gaffer filmen bei Unfällen die Opfer, behindern damit die Rettungskräfte und stellen Verletzte im Internet bloß. Der Kerngedanke des Autors: Nicht die Technik ist schuld, sondern der Mensch, der sie so benutzt. Halte diesen Teil kompakt.

Der zweite Auftrag ist der große – und Achtung, er hat zwei Teile: den Aufbau der Argumentation UND die Sprache. Beides musst du bearbeiten. Fangen wir mit dem Aufbau an. Der Essay geht schrittweise vor: Erst die Grundthese, dass der Mensch das Problem ist. Dann das Beispiel mit den Gaffern. Dann eine Steigerung mit den geplanten Anti-Gaffer-Gesetzen und dem Bild vom moralischen Bankrott. Danach der größte Teil: die Ursachensuche. Der Autor erklärt, warum Menschen so handeln – die Schaulust ist ein angeborener Trieb, es gibt die sogenannte Angstlust, wenn man selbst nicht betroffen ist, den bystander effect, also den Zuschauer-Effekt, die Allgegenwart von Kameras und die Selbstdarstellung in sozialen Medien. Am Ende der Appell: eine Kultur der Mitmenschlichkeit. Und ein hoffnungsvoller Ausblick, weil Menschen die Gaffer inzwischen selbst anprangern.

Jetzt die Sprache. Sittinger will die Leser gewinnen, und das macht er sehr gezielt. Erstens durch das „Wir“ – schon der Titel fragt „Sind wir alle Voyeure?“. Damit sind wir alle gemeint, das Problem betrifft jeden. Zweitens durch stark wertende Wörter: „sensationslüsterne Gaffer“, „seelenlose Voyeure“, „plumpe Sensationsgier“. Da hört man die Empörung. Drittens durch Wortspiele und Neologismen, also Wortneuschöpfungen: das Smartphone als „Universalkörperteil“, die „schaurige Schau-Lust“, das lateinische Wortspiel „Publico, ergo sum – ich veröffentliche, also bin ich“. Das ist klug und unterhält zugleich. Dazu viele rhetorische Fragen, die zum Nachdenken anregen, kräftige Metaphern wie der „moralische Bankrott“, und eine Mischung aus Alltagssprache und Bildungssprache. Wähle aus dieser Fülle die stärksten Mittel und deute jedes in seiner Wirkung.

Der dritte Auftrag: die Intention, auf Basis deiner Analyse. Sittinger will Kritik üben und ein Problembewusstsein schaffen. Er will erklären, warum wir so handeln, damit wir es durchbrechen können. Über die vielen Wir-Fragen will er uns zur Selbstreflexion bringen. Am Ende ruft er zu mehr Empathie auf. Und mit den Wortspielen will er auch unterhalten. Begründe jede Absicht mit dem, was du vorher gefunden hast.

Zum Schluss der wichtigste Rat: 540 bis 660 Wörter, sachlich, im Präsens, mit Zitaten und Zeilenangaben. Denk daran, dass Auftrag zwei doppelt ist – Aufbau und Sprache. Plane dafür den meisten Platz. Dann hast du eine vollständige, starke Textanalyse.

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Kapitel 9

Tipps für deine eigene Lösung

✗ So nicht (bloß benannt)
„Der Autor verwendet viele rhetorische Fragen und wertende Wörter. Der Essay hat einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss.“
✓ Besser (Aufbau + Mittel–Beleg–Wirkung)
„Nach dem Anlass (Gaffer bei Unfällen) sucht Sittinger die Ursachen und steigert seine Kritik bis zum ‚moralischen Bankrott‘ (Z. 64); die Metapher unterstreicht den drohenden Verlust an Zivilisation.“
Aufbau in Schritten
Beschreibe die Stationen des Gedankengangs: Anlass → Steigerung → Ursachen → Appell → Ausblick.
Beide Teile von Auftrag 2
Erst der Argumentationsaufbau, dann die Sprache – lass keinen der beiden weg.
Immer die Wirkung
Nach jedem Beleg: „… und das bewirkt?“ Ohne Wirkung ist es keine Analyse.
Intention aus Analyse
Verknüpfe Teil 3 sichtbar mit Teil 2: „Aus … folgt, dass der Autor … will.“
Checkliste
  • Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autor, Titel, Jahr, Thema)?
  • Hast du die Problematik (Schaulust, Gaffer, Bloßstellung) beschrieben?
  • Hast du den Aufbau der Argumentation in Schritten dargestellt – mit Zeilenangaben?
  • Analysierst du die sprachlichen Mittel – jeweils mit Beleg und Wirkung?
  • Hast du die Intention „auf Basis der Analyse“ erschlossen?
  • Schreibst du durchgehend sachlich und im Präsens, ohne eigene Meinung?
  • Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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