Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Lies den Essay „Sind wir alle Voyeure?“ von Ernst Sittinger (Kleine Zeitung, 2018) und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:
- Beschreiben Sie die Problematik, die in der Textbeilage dargestellt wird.
- Untersuchen Sie den Aufbau der Argumentation und die sprachliche Gestaltung des Essays.
- Erschließen Sie mögliche Intentionen des Autors.
Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Textanalyse?
Eine Textanalyse untersucht, wie ein Text gemacht ist: seinen Inhalt, seinen Aufbau, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Anders als die Zusammenfassung geht es um das Wie und Wozu. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation und Explikation (erklären/deuten).
Der entscheidende Unterschied zur Zusammenfassung: Du belegst jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung. Die folgenden Merkmale gelten für jede Analyse.
Ömer sagt:
Zauberformel: Mittel – Beleg – Wirkung. Und beim Aufbau denk in Schritten: Wo beginnt der Autor, wie führt er weiter, wo steigert er sich, wo endet er? Ein Essay ist wie ein Weg – beschreibe die Stationen.
Kapitel 3
So baust du deine Textanalyse auf
Kapitel 4
Worum geht es im Essay?
Ernst Sittinger übt scharfe Kritik am Phänomen der „Schaulust“, das durch Smartphone und soziale Medien noch verstärkt wird. Sein Ausgangspunkt: Immer öfter behindern „Gaffer“ mit gezückten Handykameras Rettungseinsätze und stellen Unfallopfer im Netz bloß. Der Autor fragt nach den Gründen für dieses Verhalten und plädiert am Ende für eine „Kultur der Mitmenschlichkeit“.
Für deine Analyse liefert das die Grundlage: die Problematik (Kap. 5), Argumentationsaufbau und Sprache (Kap. 6) und die Intention (Kap. 7).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Die Problematik
Beschreibe knapp das Problem, das der Essay behandelt:
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Aufbau der Argumentation & Sprache
Teil A: der Aufbau der Argumentation. Der Essay entwickelt sein Thema schrittweise – vom konkreten Anlass über die Ursachen bis zum Appell:
| Abschnitt | Argumentationsschritt |
|---|---|
| Z. 1–11 | Grundthese: Nicht die Technik, sondern der Mensch als „Bedienelement“ ist das Problem. |
| Z. 12–42 | Anlass/Beispiel: Gaffer behindern Rettungskräfte und filmen Unfallopfer. |
| Z. 43–68 | Steigerung: gesetzliche Maßnahmen gegen „Gaffer“; die Schaulust als „moralischer Bankrott“ der Zivilisation. |
| Z. 69–198 | Ursachensuche: angeborener Trieb, „Angstlust“, bystander effect, Allgegenwart von Kameras, Selbstdarstellung in sozialen Medien, Mitverantwortung der Medien. |
| Z. 199–210 | Appell: Plädoyer für eine „Kultur der Mitmenschlichkeit“ gegen die „soziale Entgrenzung“. |
| Z. 211–226 | Ausblick: Hoffnung, weil Menschen inzwischen ihrerseits „Gaffer“ öffentlich anprangern. |
Teil B: die sprachliche Gestaltung. Der Autor versucht, die Leser/innen zu gewinnen – mit diesen Mitteln:
| Sprachliches Mittel | Beispiel (Beleg) | Wirkung |
|---|---|---|
| „Wir“-Ansprache | „Sind wir alle Voyeure?“ (Titel); „niemand ist immun“ (Z. 75–78) | Macht die Schaulust zum gemeinsamen Problem, das alle betrifft – auch die Lesenden. |
| Wertende Adjektive/Nomen | „sensationslüsterne Gaffer“ (Z. 16), „seelenlose Voyeure“ (Z. 70), „plumpe Sensationsgier“ (Z. 184) | Bringen die scharfe Kritik des Autors unmittelbar zum Ausdruck. |
| Neologismen & Wortspiele | „Universalkörperteil“ (Z. 5 f.), „schaurige Schau-Lust“ (Z. 59), „Publico, ergo sum“ (Z. 169 f.) | Prägnant, einprägsam und unterhaltend – sie schärfen die Kritik und gefallen zugleich. |
| Rhetorische Fragen | „Sind wir seelenlose Voyeure? Ist der Mensch noch ein mitfühlendes Wesen?“ (Z. 69–72) | Regen die Lesenden zur Reflexion an und lenken die Argumentation. |
| Metaphern | „moralischer Bankrott“ (Z. 64); „Das Leben ist ein Bilderbuch“ (Z. 160 f.) | Veranschaulichen abstrakte Vorgänge – den Verlust an Moral und die Bilderflut. |
| Register-Mischung | Alltagssprache („glotzende Massen“, Z. 38 f.) neben Bildungssprache („Panoptikum“, „Nihilismus“) | Der Kontrast macht den Text lebendig und zugleich gedanklich anspruchsvoll. |
| Oxymoron / Paradoxon | „Angstlust“ (Z. 115 f.), „interessierte Ignoranz“ (Z. 136 f.) | Fassen widersprüchliches menschliches Verhalten pointiert zusammen. |
| Alliteration / Parallelismus | „Drohnen blicken … Satelliten starren … Wildtierkameras setzen …“ (Z. 149–153) | Verstärken die Aussage und veranschaulichen die Allgegenwart der Kameras. |
- „Durch die ‚Wir‘-Ansprache im Titel ‚Sind wir alle Voyeure?‘ bezieht Sittinger die Leser/innen ein und macht die Schaulust zu einem Problem, das niemanden ausnimmt.“
- Nicht so: „Es gibt Metaphern und rhetorische Fragen.“ (ohne Beleg und Wirkung)
Kapitel 7
Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen
Leite aus deiner Analyse ab, was der Autor erreichen will. Mehrere Absichten wirken zusammen:
Ömer sagt:
Verknüpfe die Intention mit deinen Funden: Aus den wertenden Wörtern folgt die Kritik, aus den „Wir“-Fragen die Reflexionsabsicht, aus dem Appell am Ende der Aufruf zur Mitmenschlichkeit, aus den Wortspielen die Unterhaltung.
Kapitel 8
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse. Du fragst also nicht nur, worum es geht, sondern wie der Text gemacht ist und wozu. Der Text ist der Essay „Sind wir alle Voyeure?“ von Ernst Sittinger aus der Kleinen Zeitung, 2018. Das gehört in deinen Basissatz. Und die Zauberformel bleibt: Mittel, Beleg, Wirkung.
Der erste Auftrag: Beschreibe die Problematik. Es geht um die Schaulust, die durch Smartphones und soziale Medien verstärkt wird. Der konkrete Anlass: Sogenannte Gaffer filmen bei Unfällen die Opfer, behindern damit die Rettungskräfte und stellen Verletzte im Internet bloß. Der Kerngedanke des Autors: Nicht die Technik ist schuld, sondern der Mensch, der sie so benutzt. Halte diesen Teil kompakt.
Der zweite Auftrag ist der große – und Achtung, er hat zwei Teile: den Aufbau der Argumentation UND die Sprache. Beides musst du bearbeiten. Fangen wir mit dem Aufbau an. Der Essay geht schrittweise vor: Erst die Grundthese, dass der Mensch das Problem ist. Dann das Beispiel mit den Gaffern. Dann eine Steigerung mit den geplanten Anti-Gaffer-Gesetzen und dem Bild vom moralischen Bankrott. Danach der größte Teil: die Ursachensuche. Der Autor erklärt, warum Menschen so handeln – die Schaulust ist ein angeborener Trieb, es gibt die sogenannte Angstlust, wenn man selbst nicht betroffen ist, den bystander effect, also den Zuschauer-Effekt, die Allgegenwart von Kameras und die Selbstdarstellung in sozialen Medien. Am Ende der Appell: eine Kultur der Mitmenschlichkeit. Und ein hoffnungsvoller Ausblick, weil Menschen die Gaffer inzwischen selbst anprangern.
Jetzt die Sprache. Sittinger will die Leser gewinnen, und das macht er sehr gezielt. Erstens durch das „Wir“ – schon der Titel fragt „Sind wir alle Voyeure?“. Damit sind wir alle gemeint, das Problem betrifft jeden. Zweitens durch stark wertende Wörter: „sensationslüsterne Gaffer“, „seelenlose Voyeure“, „plumpe Sensationsgier“. Da hört man die Empörung. Drittens durch Wortspiele und Neologismen, also Wortneuschöpfungen: das Smartphone als „Universalkörperteil“, die „schaurige Schau-Lust“, das lateinische Wortspiel „Publico, ergo sum – ich veröffentliche, also bin ich“. Das ist klug und unterhält zugleich. Dazu viele rhetorische Fragen, die zum Nachdenken anregen, kräftige Metaphern wie der „moralische Bankrott“, und eine Mischung aus Alltagssprache und Bildungssprache. Wähle aus dieser Fülle die stärksten Mittel und deute jedes in seiner Wirkung.
Der dritte Auftrag: die Intention, auf Basis deiner Analyse. Sittinger will Kritik üben und ein Problembewusstsein schaffen. Er will erklären, warum wir so handeln, damit wir es durchbrechen können. Über die vielen Wir-Fragen will er uns zur Selbstreflexion bringen. Am Ende ruft er zu mehr Empathie auf. Und mit den Wortspielen will er auch unterhalten. Begründe jede Absicht mit dem, was du vorher gefunden hast.
Zum Schluss der wichtigste Rat: 540 bis 660 Wörter, sachlich, im Präsens, mit Zitaten und Zeilenangaben. Denk daran, dass Auftrag zwei doppelt ist – Aufbau und Sprache. Plane dafür den meisten Platz. Dann hast du eine vollständige, starke Textanalyse.
Kapitel 9
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autor, Titel, Jahr, Thema)?
- Hast du die Problematik (Schaulust, Gaffer, Bloßstellung) beschrieben?
- Hast du den Aufbau der Argumentation in Schritten dargestellt – mit Zeilenangaben?
- Analysierst du die sprachlichen Mittel – jeweils mit Beleg und Wirkung?
- Hast du die Intention „auf Basis der Analyse“ erschlossen?
- Schreibst du durchgehend sachlich und im Präsens, ohne eigene Meinung?
- Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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