Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Lies die Kolumne „Dieser Text ist Zeitverschwendung“ aus dem Buch Heute ist leider schlecht (2017) von Ronja von Rönne und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:
- Geben Sie zentrale Aussagen des Textes zum Thema Zeit wieder.
- Untersuchen Sie die sprachliche Gestaltung des Textes. Berücksichtigen Sie dabei, wie die Autorin mit den Leserinnen und Lesern kommuniziert.
- Erschließen Sie mögliche Intentionen der Autorin.
Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Textanalyse?
Eine Textanalyse untersucht, wie ein Text gemacht ist: sein Inhalt, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Anders als die Zusammenfassung geht es nicht nur um das Was, sondern um das Wie und Wozu. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation und Explikation (erklären/deuten).
Der entscheidende Unterschied zur Zusammenfassung: Du belegst jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung. Die folgenden Merkmale gelten für jede Analyse.
Ömer sagt:
Die Zauberformel bleibt: Mittel – Beleg – Wirkung. Und lies den zweiten Auftrag genau: Wenn dort steht „berücksichtigen Sie, wie die Autorin mit den Lesern kommuniziert“, dann ist das kein Beiwerk, sondern ein eigener Prüfpunkt.
Kapitel 3
So baust du deine Textanalyse auf
Kapitel 4
Worum geht es in der Kolumne?
Ronja von Rönne schreibt über unseren wenig rationalen Umgang mit der Zeit. Schon der Titel ist provokant: „Dieser Text ist Zeitverschwendung“. Die Autorin behauptet gleich zu Beginn, das Lesen koste die Leser/innen wertvolle Lebenszeit, und verrät die These sofort: Zeit ist wertvoll – und trotzdem gehen wir verschwenderisch mit ihr um. Sie spielt mit dem Gegensatz von objektiver (messbarer) und subjektiver (gefühlter) Zeit und verknüpft Zeit immer wieder mit Geld.
Für deine Analyse liefert das die Grundlage: die Aussagen (Kap. 5), die auffällige Sprache samt Leser-Ansprache (Kap. 6) und die Intention (Kap. 7).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Zentrale Aussagen zum Thema Zeit
Gib die wichtigsten Gedanken knapp wieder. Der Erwartungshorizont nennt:
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Sprache & Leser-Kommunikation
Das ist der Kern der Analyse. Untersuche zuerst die sprachlichen Mittel – jeweils mit Beleg und Wirkung:
| Sprachliches Mittel | Beispiel (Beleg) | Wirkung |
|---|---|---|
| Wortfelder Zeit & Geld | „kostet“ (Z. 2), „investieren“ (Z. 5), „sparen“ (Z. 11), „Rechnung … bezahlt“ (Z. 68) | Zeit wird wie Geld behandelt – das zeigt, dass wir sie eigentlich als wertvoll erkennen müssten. |
| Bezeichnende Verben | „verschleudern“ (Z. 67), „verfliegt“ (Z. 24), „kriecht“ (Z. 25), „bleibt … stehen“ (Z. 26) | Die Verben allein zeigen schon, dass Zeit nicht gleichmäßig, sondern subjektiv erlebt wird. |
| Anapher / Parallelismus | „Wir verkaufen unsere Stunden … wir verschenken sie … wir verschwenden sie …“ (Z. 41 f.) | Erzeugt Rhythmus und Eindringlichkeit und pointiert unseren Umgang mit Zeit. |
| Antithese | objektives „Ticken“ (Z. 31) vs. gefühlte Zeit („zwei Stunden … eine Minute“, Z. 32–34) | Kontrastiert messbare und erlebte Zeit – der Grundgedanke des Textes. |
| Ironie | „… weshalb es gegen diese Unverschämtheit keine Online-Petition gibt“ (Z. 49 f.) | Macht den irrationalen Umgang mit Zeit humorvoll bewusst. |
| Personifikation | „Die Zeit ist gegen einen“ (Z. 57); „Morgen … vertröstet … guckt einen mit großen Augen an“ (Z. 71 f.) | Macht die abstrakte Zeit greifbar und bedrohlich-lebendig. |
| Ellipsen | „Höchstwahrscheinlich.“ (Z. 3); „Keine Überraschung. Keine neue Idee.“ (Z. 9) | Knappe Sätze setzen Pointen und erhöhen das Tempo. |
| Aufzählung | „Geburt, Schule, Arbeit, Burn-out, Ayurveda-Auszeit … Bikram-Yoga-Kurse …“ (Z. 52 f.) | Veranschaulicht die Beschleunigung des modernen Lebens. |
- „Ich“ und „Wir“: Die Autorin spricht von sich selbst („Ich habe keine Zeit für diesen Text“, Z. 1) und schafft mit der 1. Person Plural eine Gemeinschaft mit den Lesenden („Wir verkaufen unsere Stunden“, Z. 41).
- Direkte Anrede: Sie spricht die Lesenden unmittelbar an: „auch Ihnen, lieber Leser“ (Z. 6), „Ich warne Sie …“ (Z. 10).
- Metatextueller Einstieg: Sie warnt, das Lesen selbst sei Zeitverschwendung (Titel; Z. 6–13), und reflektiert sogar das eigene Schreiben – so verbindet sie Form und Thema.
- „Durch die direkte Anrede ‚Ich warne Sie jetzt schon‘ (Z. 10) bindet die Autorin die Leser/innen unmittelbar ein und macht sie zu Mitbetroffenen des Zeitproblems.“
- Nicht so: „Der Text hat eine Anrede und Ironie.“ (ohne Beleg und Wirkung)
Kapitel 7
Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen
Leite aus deiner Analyse ab, was die Autorin erreichen will. Meist wirken mehrere Absichten zusammen:
Ömer sagt:
Bei diesem Text ist „unterhalten“ keine Nebensache. Der ganze ironische Ton und der freche Titel dienen dazu, ein ernstes Thema leicht und einprägsam zu machen. Belege die Intention immer an dem, was du in Auftrag 2 gefunden hast.
Kapitel 8
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse. Das heißt, du fragst nicht nur, worum es geht, sondern vor allem, wie der Text gemacht ist und wozu. Der Text ist die Kolumne „Dieser Text ist Zeitverschwendung“ von Ronja von Rönne aus dem Jahr 2017. Das gehört in deinen Basissatz. Und die Zauberformel bleibt: Mittel, Beleg, Wirkung.
Der erste Auftrag ist hier ausnahmsweise leicht: Gib die zentralen Aussagen zum Thema Zeit wieder. Die Kernidee ist: Zeit ist unsere kostbarste Ressource, das wissen wir theoretisch alle – und trotzdem gehen wir leichtsinnig damit um. Dazu kommt der Gegensatz von objektiver und subjektiver Zeit: Die Uhr tickt gleichmäßig, aber gefühlt kriecht die Zeit manchmal und verfliegt ein anderes Mal. Und die Autorin sagt: Solange wir den Wert der Zeit nur theoretisch kennen und nicht wirklich fühlen, ändern wir nichts. Ihr Appell: im Jetzt leben. Halte diesen Teil kurz, denn der Schwerpunkt liegt woanders.
Der zweite Auftrag ist der große: die sprachliche Gestaltung – und ganz wichtig, der Auftrag sagt ausdrücklich, du sollst berücksichtigen, wie die Autorin mit den Lesern kommuniziert. Das ist ein eigener Prüfpunkt, den viele übersehen. Fangen wir mit der Sprache an. Auffällig sind zwei Wortfelder, die ständig ineinandergreifen: Zeit und Geld. Zeit „kostet“, man kann sie „investieren“, „sparen“, es gibt eine „Rechnung“. Dadurch behandelt die Autorin Zeit wie Geld – und zeigt so, dass wir sie eigentlich als wertvoll erkennen müssten. Dann die Verben: Zeit „verschleudert“ sich, sie „verfliegt“, sie „kriecht“. Schon daran sieht man, dass Zeit subjektiv erlebt wird. Dazu kommen viele rhetorische Mittel: Anaphern wie „Wir verkaufen … wir verschenken … wir verschwenden“, Antithesen zwischen objektiver und gefühlter Zeit, Ellipsen als knappe Pointen, Personifikationen – die Zeit ist „gegen einen“, der Morgen „vertröstet“ –, und vor allem sehr viel Ironie.
Und jetzt der Teil mit der Leser-Kommunikation. Achte auf drei Dinge. Erstens: Die Autorin spricht als „Ich“ und zieht die Leser mit einem „Wir“ auf ihre Seite – wir alle gehen so mit Zeit um. Zweitens: Sie spricht die Leser direkt an, „lieber Leser“, „ich warne Sie“. Drittens, und das ist besonders raffiniert: Sie behauptet gleich zu Beginn, das Lesen dieses Textes sei selbst Zeitverschwendung, und reflektiert beim Schreiben, wie viel Zeit sie gerade verbraucht. Damit verbindet sie Form und Inhalt – der Text macht vor, worüber er spricht. Genau diese Beobachtung bringt bei diesem Beispiel viele Punkte.
Der dritte Auftrag: die Intention, auf Basis deiner Analyse. Hier wirken drei Absichten zusammen. Sie will informieren – über unseren Umgang mit Zeit. Sie will überzeugen – dass wir bewusster leben, öfter innehalten sollten. Und sie will ganz klar auch unterhalten: durch Ironie, Selbstironie und Pointen. Bei diesem Text ist das Unterhalten keine Nebensache, sondern die Methode, mit der ein ernstes Thema leicht und einprägsam wird.
Zum Schluss der wichtigste Rat: 540 bis 660 Wörter, sachlich, im Präsens, mit Zitaten und Zeilenangaben. Halte Auftrag eins kurz, investiere den meisten Platz in die Sprachanalyse samt Leser-Kommunikation, und verknüpfe die Intention sichtbar mit deinen Beobachtungen. Dann hast du eine starke Textanalyse.
Kapitel 9
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autorin, Titel, Jahr, Thema)?
- Hast du die zentralen Aussagen zum Thema Zeit knapp wiedergegeben?
- Analysierst du Wortwahl, Satzbau und rhetorische Mittel – mit Beleg und Wirkung?
- Hast du einen eigenen Teil zur Leser-Kommunikation (Ich/Wir, Anrede, Metatext)?
- Hast du die Intention „auf Basis der Analyse“ erschlossen (informieren, überzeugen, unterhalten)?
- Schreibst du durchgehend sachlich und im Präsens, ohne eigene Meinung?
- Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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