Kapitel 1
Die Aufgabenstellung richtig lesen
Lies den Essay „Vom Zeitungslesen“ (1907) von Robert Walser und verfasse eine Textanalyse mit diesen Arbeitsaufträgen:
- Beschreiben Sie den Aufbau des Essays.
- Analysieren Sie, mit welchen sprachlichen Mitteln der Autor das Medium Zeitung und das Zeitunglesen darstellt.
- Erschließen Sie auf Basis Ihrer Analyse mögliche Intentionen des Autors.
Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.
Kapitel 2
Was ist eine Textanalyse?
Eine Textanalyse zerlegt einen Text und untersucht, wie er gemacht ist: sein Aufbau, seine Sprache und seine Wirkungsabsicht. Anders als die Zusammenfassung geht es nicht um den bloßen Inhalt, sondern um das Wie und Wozu. Die zentralen Schreibhandlungen sind Deskription/Rekapitulation (beschreiben) und Explikation (erklären/deuten).
Der entscheidende Unterschied zur Zusammenfassung: Du belegst jede Beobachtung am Text – mit Zitat und Zeilenangabe – und deutest ihre Wirkung. Die folgenden Merkmale solltest du einhalten.
Ömer sagt:
Die Zauberformel der Textanalyse heißt: Mittel – Beleg – Wirkung. Also: Welches Stilmittel? Wo im Text (Zitat + Zeile)? Und was bewirkt es? Wer diese drei Schritte immer zusammen macht, schreibt automatisch eine gute Analyse.
Kapitel 3
So baust du deine Textanalyse auf
Kapitel 4
Worum geht es im Essay?
Robert Walser stellt Zeitungen als starke „Macht“ dar. Sie werden überall gelesen – bis in die entlegensten Gegenden –, denn sie enthalten eine „Fülle des Wissenswerten“. Der Autor kontrastiert das aufmerksame Lesen der Alten mit dem oberflächlichen der Jungen und das konzentrierte Lesen in den Dörfern mit dem Lesen in den Städten, wo in jeder Lebenslage gelesen wird. Zeitungen erfüllen die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Gruppen; in Krisenzeiten stillen sie den „Durst“ nach Information.
Für deine Analyse heißt das: Der Inhalt ist die Grundlage, aber die eigentliche Arbeit liegt in Aufbau (Kap. 5), Sprache (Kap. 6) und Intention (Kap. 7).
Kapitel 5
Arbeitsauftrag 1 – Der Aufbau des Essays
Beschreibe die Gliederung in sinnvolle Abschnitte. Eine mögliche Einteilung (Zeilenangaben nach der Textbeilage):
| Abschnitt | Inhalt |
|---|---|
| Z. 1–7 | Einstieg: Vergleich der Zeitungen mit einem Schwarm von Vögeln. |
| Z. 7–21 | Der Gehalt von Zeitungen – Aufruf zum aufmerksamen Lesen. |
| Z. 22–37 | Zeitunglesen im Dorf und bei alten Leuten – im Kontrast zur hastigen Jugend. |
| Z. 38–49 | Persönliches Beispiel: Die Zeitung spendet einer einsamen, armen Näherin Trost. |
| Z. 50–63 | Funktionen der Zeitung für unterschiedliche Gruppen (Stellenlose, Kranke, Reiche, Arme …). |
| Z. 64–71 | Orte und Arten des Zeitunglesens in den Städten. |
| Z. 72–80 | Bedeutung von Zeitungen in Zeiten politischer Unruhe. |
| Z. 80–81 | Schluss: Die Zeitung als „Macht“. |
Wichtig ist auch die Bewegung des Textes: Der Beginn „zoomt“ von der Fern- in die Nahperspektive (Welt → Gegenden → Stadt/Land → Haus bzw. Vogelschwarm → einzelnes Blatt). Charakteristisch ist danach der ständige Wechsel von Verallgemeinerung und Konkretisierung – etwa vom abstrakten „Alter“ (Z. 24) zur konkreten „Frau … eine Näherin“ (Z. 38).
Kapitel 6
Arbeitsauftrag 2 – Die sprachlichen Mittel
Das ist der Kern der Analyse. Untersuche Wortschatz und rhetorische Mittel – jeweils mit Beleg und Wirkung:
| Sprachliches Mittel | Beispiel (Beleg) | Wirkung |
|---|---|---|
| Vergleich / Metapher | Zeitungen „wie ein … Schwarm von Vögeln“, die „zwitschern“ und „fliegen“ (Z. 1–3) | Zeitungen wirken lebendig und allgegenwärtig; sie kennen keine Grenzen. |
| Positiv konnotierter Wortschatz | „wahre Bildung“ (Z. 9), „Juwel“, „reines Labsal“ (Z. 50), „Feierabendgenuß“ (Z. 51) | Die Zeitung erscheint als etwas Wertvolles, Wohltuendes. |
| Personifikation | Die Zeitung „spricht“ mit einer „Stimme“ (Z. 9), Dinge „schlummern“ in ihr (Z. 15), sie ist ein „Freund“ (Z. 40) | Betont die persönliche Nähe der Zeitung zum Menschen. |
| Anapher / Parallelismus | „Für Stellenlose … Für den arbeitenden Menschen … Für den Kranken …“ (Z. 50–54) | Erzeugt Eindringlichkeit und zeigt, dass die Zeitung für alle etwas bietet. |
| Antithese | jung – alt (Z. 24–49), Dorf – Stadt (Z. 22–71), „innig und aufmerksam“ – „schnellfertige und hastige“ (Z. 22, 25) | Zeigt die Bandbreite der Lesenden und stellt „richtiges“ gegen „falsches“ Lesen. |
| Aufzählung | „Auf Reisen, in Hotels, im Eisenbahnwagen …“ (Z. 66–71) | Verdeutlicht die Allgegenwart des Zeitunglesens. |
| Alliteration / Assonanz | „zwitschern in allen zivilisierten“ (Z. 2) | Betont das Lustvolle, Klangvolle – der ästhetische Reiz des Lesens. |
| Rhetorische Fragen & Ausrufe | „Wie innig …!“ (Z. 22); „Und in Kriegsjahren?“ (Z. 75) | Erzeugen Nachdruck und Emotion, beziehen die Lesenden ein. |
| Wortspiel | Vom Vogel-Bild zum „Überfliegen“ des Inhalts und zur „Flatterhaftigkeit“ (Z. 8, 21) | Verknüpft Bild und Warnung: nicht bloß flüchtig lesen. |
- Mittel + Beleg + Wirkung: „Durch die Anapher ‚Für Stellenlose … Für den arbeitenden Menschen …‘ (Z. 50 f.) betont Walser eindringlich, dass die Zeitung für jede gesellschaftliche Gruppe eine eigene Bedeutung hat.“
- Nicht so: „Es gibt eine Anapher.“ (bloße Benennung ohne Beleg und Wirkung)
Kapitel 7
Arbeitsauftrag 3 – Mögliche Intentionen
Leite aus deiner Analyse ab, was der Autor erreichen will. Mögliche – und am Text belegbare – Intentionen sind:
Ömer sagt:
„Auf Basis Ihrer Analyse“ ist der Schlüssel. Du darfst nicht einfach raten, was Walser wollte – du leitest es aus dem ab, was du vorher gefunden hast: Aus dem Lob-Wortschatz folgt die Bewunderung, aus der „Überfliegen“-Warnung das Plädoyer fürs aufmerksame Lesen.
Kapitel 8
Ömers ausführlicher Erklärungstext
Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Textanalyse – und die funktioniert ganz anders als eine Zusammenfassung. Bei der Zusammenfassung gibst du den Inhalt wieder. Bei der Analyse fragst du: Wie ist der Text gebaut, mit welchen sprachlichen Mitteln arbeitet er, und was will der Autor damit? Der Text ist der Essay „Vom Zeitungslesen“ von Robert Walser aus dem Jahr 1907. Das gehört in deinen Basissatz.
Ganz wichtig vorweg, das ist der häufigste Fehler: Erzähl den Text nicht nach, und zähl die Stilmittel nicht einfach nur auf. Die Zauberformel lautet: Mittel – Beleg – Wirkung. Welches Stilmittel liegt vor? Wo steht es, also Zitat plus Zeilenangabe? Und was bewirkt es? Diese drei Schritte gehören immer zusammen.
Jetzt zum ersten Auftrag: der Aufbau. Beschreibe, wie der Essay gegliedert ist. Er beginnt mit dem berühmten Bild der Zeitungen als Vogelschwarm, der sich über die ganze Welt verbreitet. Dann geht es um den Gehalt der Zeitungen und den Aufruf, aufmerksam zu lesen. Danach das Lesen im Dorf und bei alten Menschen, im Kontrast zur hastigen Jugend. Es folgt ein persönliches Beispiel – eine arme Näherin, der die Zeitung Trost spendet. Dann die Funktionen für ganz verschiedene Gruppen, die Orte des Lesens in der Stadt, die Bedeutung in Krisenzeiten, und ganz am Ende die Pointe: Die Zeitung ist eine „Macht“. Erwähne ruhig auch die Bewegung des Textes: Am Anfang zoomt Walser von der ganzen Welt bis zum einzelnen Zeitungsblatt heran, und danach wechselt er ständig zwischen allgemeinen Aussagen und konkreten Beispielen.
Der zweite Auftrag ist der wichtigste und längste: die sprachlichen Mittel. Fangen wir beim Wortschatz an. Walser häuft positiv besetzte Wörter: Die Zeitung ist „wahre Bildung“, ein „Juwel“, ein „reines Labsal“, ein „Feierabendgenuß“. Dadurch erscheint sie durchweg als etwas Wertvolles. Dann die rhetorischen Mittel. Das zentrale Bild ist die Metapher vom Vogelschwarm – die Zeitungen „zwitschern“ und „fliegen“, das macht sie lebendig und allgegenwärtig. Dazu kommen Personifikationen: Die Zeitung „spricht“, in ihr „schlummern“ Dinge, sie ist ein „Freund“. Ganz auffällig ist die Anapher, wenn Walser aufzählt: „Für Stellenlose … für den arbeitenden Menschen … für den Kranken …“. Das betont eindringlich, dass die Zeitung wirklich für jeden etwas bietet. Dann die vielen Antithesen: jung gegen alt, Dorf gegen Stadt, aufmerksames gegen flüchtiges Lesen – sie zeigen die ganze Bandbreite. Und schließlich das schöne Wortspiel: Aus dem Vogel-Bild wird die Warnung, den Inhalt nicht bloß zu „überfliegen“ und in „Flatterhaftigkeit“ zu verfallen. Wähle aus dieser Fülle die stärksten Mittel aus und deute jedes in seiner Wirkung.
Der dritte Auftrag: die Intention. Und hier ist der entscheidende Satz in der Aufgabe „auf Basis Ihrer Analyse“. Das heißt: Du rätst nicht, sondern leitest die Absicht aus dem ab, was du gefunden hast. Aus dem durchweg positiven Wortschatz folgt: Walser schreibt ein Loblied auf die Zeitung, er bewundert ihre Wohltaten. Aus den vielen Funktionen und dem Schlusswort „Macht“ folgt: Er will ihre Unentbehrlichkeit zeigen. Aus der Warnung vorm Überfliegen folgt: Er plädiert für aufmerksames Lesen. Und weil der Text selbst so bildreich und klangvoll ist, will er auch ästhetisch gefallen.
Zum Schluss der wichtigste Rat: Denk an die Wortanzahl, 540 bis 660 Wörter – das ist deutlich mehr als bei der Zusammenfassung, also plane genug Substanz ein, vor allem beim Sprachteil. Schreib sachlich, im Präsens, mit Zitaten und Zeilenangaben. Mach für Aufbau, Sprache und Intention jeweils einen eigenen Block. Dann hast du eine saubere, vollständige Textanalyse.
Kapitel 9
Tipps für deine eigene Lösung
- Beginnt deine Analyse mit einem Basissatz (Textsorte, Autor, Titel, Jahr, Thema)?
- Hast du den Aufbau in Abschnitte gegliedert – mit Zeilenangaben?
- Analysierst du Wortschatz und rhetorische Mittel – jeweils mit Beleg und Wirkung?
- Hast du die Intention „auf Basis der Analyse“ erschlossen und belegt?
- Schreibst du durchgehend sachlich und im Präsens?
- Ist deine eigene Meinung draußen geblieben (auch bei der Intention)?
- Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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