Textsorte Erörterung · Maturabeispiel 2019

Erörterung: Warum wir fotografieren

Diese Seite begleitet dich bei der Matura-Erörterung zum Thema Fotografieren. Du lernst, die Funktionen des Fotografierens wiederzugeben, das Fotografieren früher und heute zu vergleichen und dich mit den Chancen und Gefahren begründet auseinanderzusetzen – sachlich, mit Argumenten und Belegen.

📖 12. Schulstufe 🎓 Deutsch – Erörterung 🧩 Aufgabe + Lösung verlinkt 📷 Analog vs. digital
Sara Ömer
Ömer

🎧 Ömer erklärt · Hör zuerst rein!

„Warum wir fotografieren“ erörtern – Ömers Audio-Erklärung

📋

Kapitel 1

Die Aufgabenstellung richtig lesen

⚠️ Der häufigste Fehler
Eine Erörterung ist keine bloße Meinung und keine Nacherzählung des Textes. Verlangt ist textgebundenes Argumentieren: Du gibst den Text wieder, entwickelst dann eigene Gedanken dazu – aber immer begründet, mit Argument, Beleg und Beispiel. Wer nur „ich finde …“ schreibt, verfehlt die Textsorte.
Offizieller Arbeitsauftrag

Lies den Textausschnitt „Warum wir fotografieren“ und verfasse eine Erörterung mit diesen Arbeitsaufträgen:

  1. Geben Sie wieder, welche Funktionen des Fotografierens im Text genannt werden.
  2. Vergleichen Sie das Fotografieren früher und heute.
  3. Setzen Sie sich mit den Chancen und Gefahren des Fotografierens auseinander.

Schreibe zwischen 540 und 660 Wörter und markiere Absätze mittels Leerzeilen.

1
Wiedergeben
Fasse sachlich zusammen, welche Funktionen des Fotografierens der Text nennt (Bewahren, Beglaubigen, Sicherheit, Beschäftigung).
💡 Nur den Text – noch keine eigene Meinung.
2
Vergleichen
Stelle das analoge Fotografieren früher dem digitalen Fotografieren heute gegenüber (Aufwand, Menge, Umgang, Aufbewahrung).
🔀 Gemeinsamkeiten UND Unterschiede.
3
Auseinandersetzen
Wäge Chancen und Gefahren begründet ab und komm zu einem eigenen, abgewogenen Fazit.
🎯 Argument – Beleg – Beispiel – Fazit.
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Aufgabenblatt – Warum wir fotografieren
Haupttermin 7. Mai 2019 · Deutsch · Thema 2 / Aufgabe 1 · inkl. Textbeilage
🧠
Lösungshinweise / Erwartungshorizont
Offizielle Musterlösung – Grundlage dieser Erklärung
🔍

Kapitel 2

Was ist eine Erörterung?

Eine (textgebundene) Erörterung ist ein argumentierender Text: Du setzt dich auf Basis einer Textbeilage sachlich mit einer Frage auseinander. Der Kern ist das Argument – und ein vollständiges Argument besteht immer aus Behauptung, Begründung und Beleg/Beispiel.

Anders als bei einer Interpretation geht es nicht um einen literarischen Text, sondern um eine Sachfrage. Du schreibst sachlich, im Präsens, adressatengerecht – und beziehst dich klar auf die Textbeilage („Der Text nennt …“, „Wie im Text angesprochen …“).

✅ Sachlich & im Präsens
„Der Text nennt …“, „Ein Vorteil ist …“, „Dagegen spricht …“.
✅ Vollständige Argumente
Behauptung → Begründung → Beleg/Beispiel. Nie nur behaupten.
✅ Auf den Text beziehen
Kernaussagen der Beilage aufgreifen und weiterdenken.
✅ Struktur zeigen
Gliederungssignale: „einerseits – andererseits“, „zudem“, „dennoch“.
✅ Abwägen, nicht behaupten
Pro und Kontra gegenüberstellen und begründet gewichten.
✅ Klares Fazit
Am Ende eine eigene, aus den Argumenten folgende Position.
Ömer

Ömer sagt:

Merk dir die Formel A–B–B: Argument, Begründung, Beispiel. Jeder Absatz im Hauptteil sollte so aufgebaut sein. Eine Meinung ohne Begründung ist bei einer Erörterung wertlos – die Begründung ist die halbe Miete.

🗂️

Kapitel 3

So baust du deine Erörterung auf

1
Einleitung
Führe zum Thema hin und nenne die Textbeilage (Autor, Titel, Kernthema).
Beispiel: In seinem Text „Warum wir fotografieren“ beschreibt der Autor verschiedene Funktionen des Fotografierens – ein heute allgegenwärtiges Phänomen.
2
Hauptteil A – Wiedergabe
Gib die Funktionen des Fotografierens laut Text sachlich wieder (Auftrag 1).
3
Hauptteil B – Vergleich
Vergleiche früher und heute – Gemeinsamkeiten und Unterschiede (Auftrag 2).
4
Hauptteil C – Auseinandersetzung
Wäge Chancen und Gefahren argumentativ ab (Auftrag 3).
5
Schluss
Ziehe ein begründetes Fazit und beziehe klar Position.
📝
Wortanzahl & Absätze
Verlangt sind 540 bis 660 Wörter für drei Arbeitsaufträge. Markiere Absätze mit Leerzeilen. Halte die Wiedergabe knapp – der Schwerpunkt liegt auf Vergleich und Auseinandersetzung.
📖

Kapitel 4

Die Textbeilage im Überblick

Der Textausschnitt beschreibt mehrere Funktionen des Fotografierens. Familienfotos bewahren Erinnerung und schaffen „imaginären Besitz“ einer Vergangenheit – gerade in einer Zeit, in der die Großfamilie zerfällt. Fotografieren hilft außerdem, die Unsicherheit in fremder Umgebung (etwa auf Reisen) zu bewältigen, und liefert Beweise des Erlebten.

Zugleich bedeutet Fotografieren eine Verweigerung von Erfahrung: Die Kamera schiebt sich zwischen Mensch und Erlebnis. Und schließlich beruhigt das Fotografieren – vor allem Reisende aus Ländern mit „erbarmungsloser Arbeitsethik“, die sich schwer entspannen, ohne etwas zu tun zu haben.

Gut zu wissen – der Hintergrund
Die Gedanken gehen auf die Kulturkritikerin Susan Sontag zurück („Über Fotografie“). Ihr berühmter Gedanke: Wer ständig fotografiert, erlebt weniger unmittelbar – das Bild tritt zwischen Person und Wirklichkeit. Das ist ein starker Anknüpfungspunkt für deine Auseinandersetzung.
Tipp: Der Begriff „Verweigerung von Erfahrung“ eignet sich hervorragend als Brücke zu den Gefahren in Auftrag 3.
1️⃣

Kapitel 5

Arbeitsauftrag 1 – Die Funktionen wiedergeben

✅ So könnte deine Wiedergabe klingen
  • Bewahren: Fotos halten wichtige Momente fest und schaffen Erinnerung; die „Porträt-Chronik“ signalisiert familiäre Bindung und Kontinuität und kompensiert den Zerfall der Familie – Fotos als „imaginärer Besitz“ einer Vergangenheit.
  • Beglaubigen: Fotos dokumentieren Erlebnisse und Konsumakte; erst dadurch werden sie zur „Wirklichkeit“ – etwa als „Fototrophäen“ von Reisen.
  • Sicherheit: Als ritualisierte Tätigkeit gibt das Fotografieren Halt in fremder Umgebung und schützt vor Desorientierung.
  • Beschäftigungsersatz: Reisende aus Ländern mit hoher Arbeitsethik empfinden Unruhe, wenn sie nichts tun – Fotografieren setzt das „Arbeiten“ im Urlaub fort.

Wichtig: Hier referierst du nur, was im Text steht – sachlich, geordnet, ohne eigene Wertung. Eine sinnvolle Ordnung (z. B. diese vier Funktionen) zeigt, dass du den Text durchdrungen hast.

2️⃣

Kapitel 6

Arbeitsauftrag 2 – Früher und heute vergleichen

Beim Vergleich brauchst du beides: Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Grundfunktionen (Souvenir, Erinnerung, Dokumentation) sind geblieben – aber die Digitalisierung hat fast alles andere verändert.

AspektFrüher (analog)Heute (digital)
AufwandFilm kaufen, Kamera mitnehmen, Motiv gezielt wählen, entwickeln lassenSmartphone immer dabei, das Foto kostet nichts – Fotografieren ist allgegenwärtig
Menge & Sujetswenige, ausgewählte Bilder vom BedeutendenBilderflut; mehr Alltägliches, dazu das neue Phänomen der Selfies
UmgangBild wird später allein/mit Familie betrachtetInteraktivität: Bilder in Echtzeit verschickt, kommentiert – Kommunikationsfunktion dominiert (bis zum Video)
AufbewahrungFotoalbum, privat, dauerhaft an einem OrtPlattformen/Cloud: dauerhafter und auffindbar, aber auch flüchtiger; Entgrenzung des Privaten
Bearbeitungkaum möglichManipulation für jede/n möglich; Fotos als Mittel der Selbstdarstellung (Instagram)
Gemeinsam geblieben: Foto als Souvenir · Dokumentation von Konsumakten · Festhalten von Erinnerung
3️⃣

Kapitel 7

Arbeitsauftrag 3 – Chancen und Gefahren abwägen

Jetzt argumentierst du. Stelle Chancen und Gefahren gegenüber und komm zu einem abgewogenen Fazit. Jedes Argument mit Begründung und Beispiel!

✓ Chancen
  • Bilder schaffen Nähe und lassen einen großen Kreis am eigenen Leben teilhaben – wertvoll gerade für isolierte Menschen.
  • Fotos liefern Gesprächsstoff, geteilte Erfahrungen, ästhetischen Genuss.
  • Lückenlose Dokumentation des eigenen Lebens; Bearbeitung ermöglicht Kreativität und positives „impression management“ (Selbstwert).
✗ Gefahren
  • Weg in die überwachte Gesellschaft; Bloßstellung und Cybermobbing, kaum löschbar.
  • „Verweigerung von Erfahrung“ (Sontag): Der Apparat schiebt sich zwischen Mensch und Welt.
  • Narzissmus/Selfie-Boom bis zur Selbstgefährdung; Manipulation erschüttert Glaubwürdigkeit; Bilderflut entwertet das einzelne Bild.
✅ So könnte dein Fazit klingen
  • Das digitale Fotografieren eröffnet enorme Chancen für Nähe, Kommunikation und Kreativität – birgt aber die Gefahr, dass wir die Welt nur noch durch die Linse wahrnehmen und uns selbst inszenieren statt zu erleben.
  • Entscheidend ist daher nicht das Fotografieren selbst, sondern ein bewusster Umgang damit: die Kamera als Werkzeug nutzen, ohne sich das unmittelbare Erleben nehmen zu lassen.
Ömer

Ömer sagt:

Ein gutes Fazit entscheidet sich – aber differenziert. Nicht „Fotografieren ist gut“ oder „schlecht“, sondern: „Es kommt darauf an, wie.“ Diese abgewogene Haltung zeigt, dass du wirklich argumentiert und nicht nur eine Meinung abgeladen hast.

🎙️

Kapitel 8

Ömers ausführlicher Erklärungstext

Ömer erklärt – ausführlicher Sprechtext für 1.mp3

Okay, schauen wir uns diese Aufgabe in Ruhe an. Die Textsorte ist eine Erörterung, also ein argumentierender Text, mit drei Arbeitsaufträgen. Das Thema ist das Fotografieren, und die Textbeilage nennt verschiedene Funktionen davon – aufbauend auf Gedanken der Kulturkritikerin Susan Sontag. Ganz wichtig gleich vorweg: Eine Erörterung ist keine Nacherzählung und keine bloße Meinung. Es geht ums Argumentieren – Behauptung, Begründung, Beispiel.

Der erste Auftrag: Gib wieder, welche Funktionen des Fotografierens im Text genannt werden. Hier referierst du nur sachlich. Ich würde vier Funktionen ordnen. Erstens das Bewahren: Fotos halten Momente fest, schaffen Erinnerung, die Porträt-Chronik zeigt familiäre Bindung und gleicht sogar den Zerfall der Familie aus – Fotos als imaginärer Besitz der Vergangenheit. Zweitens das Beglaubigen: Erst durch das Foto wird ein Erlebnis zur Wirklichkeit, etwa als Fototrophäe von einer Reise. Drittens die Sicherheit: Das Fotografieren ist ein Ritual, das in fremder Umgebung Halt gibt. Und viertens der Beschäftigungsersatz: Wer aus einem Land mit strenger Arbeitsethik kommt, kann schwer nichts tun – Fotografieren ist quasi Weiterarbeiten im Urlaub. Halte diesen Teil knapp.

Der zweite Auftrag: Vergleiche das Fotografieren früher und heute. Und wichtig – ein Vergleich braucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Gemeinsam geblieben ist: das Foto als Souvenir, das Festhalten von Erinnerung, das Dokumentieren. Die Unterschiede kommen alle von der Digitalisierung. Früher: Film kaufen, Kamera mitnehmen, den richtigen Moment wählen, entwickeln lassen – man hat also wenige, ausgewählte Bilder gemacht. Heute: das Smartphone ist immer dabei, das Foto kostet nichts, also fotografiert man ununterbrochen. Dadurch gibt es eine Bilderflut, mehr Alltägliches, und das neue Phänomen der Selfies. Auch der Umgang ist anders: Bilder werden in Echtzeit verschickt und kommentiert, die Kommunikation steht im Vordergrund. Und die Aufbewahrung: früher das Fotoalbum, heute die Cloud und Plattformen – dauerhafter und auffindbar, aber auch flüchtiger, und das Private wird entgrenzt.

Der dritte Auftrag: Setze dich mit den Chancen und Gefahren auseinander. Jetzt argumentierst du wirklich. Chancen: Bilder schaffen Nähe und lassen andere am Leben teilhaben, das ist gerade für einsame Menschen wertvoll; Fotos liefern Gesprächsstoff und ästhetischen Genuss; und die Bearbeitung ermöglicht Kreativität und kann durch positive Selbstdarstellung den Selbstwert stärken. Gefahren: der Weg in die Überwachungsgesellschaft; Bloßstellung und Cybermobbing; die von Sontag genannte Verweigerung von Erfahrung, weil sich der Apparat zwischen Mensch und Welt schiebt; der Narzissmus des Selfie-Booms bis hin zur Selbstgefährdung; und die Manipulation, die die Glaubwürdigkeit von Bildern zerstört. Stelle das gegenüber – am besten einerseits, andererseits.

Und dann das Fazit: Entscheide dich, aber differenziert. Nicht Fotografieren ist gut oder schlecht, sondern es kommt auf den bewussten Umgang an. Die Kamera als Werkzeug nutzen, ohne sich das unmittelbare Erleben nehmen zu lassen. Zum Schluss der wichtigste Rat: drei Schritte, 540 bis 660 Wörter. Halte die Wiedergabe kurz, gib dem Vergleich und der Auseinandersetzung den meisten Raum, und begründe jedes Argument mit einem Beispiel. Schreib sachlich und im Präsens. Dann hast du eine starke Erörterung.

🚀

Kapitel 9

Tipps für deine eigene Lösung

✗ So nicht (bloße Meinung)
„Ich finde Fotografieren gut, weil man schöne Erinnerungen hat und alle machen es.“
✓ Besser (Argument mit Beleg)
„Fotos schaffen Nähe, weil sie – wie der Text betont – einen großen Kreis am eigenen Leben teilhaben lassen; gerade für isolierte Menschen kann das ein Fenster zur Welt sein.“
A–B–B
Argument, Begründung, Beispiel – in jedem Hauptteil-Absatz.
Wiedergabe knapp halten
Der Schwerpunkt liegt auf Vergleich und Auseinandersetzung.
Gliederungssignale
„einerseits – andererseits“, „zudem“, „dennoch“ führen die Leser.
Differenziertes Fazit
„Es kommt darauf an, wie“ ist stärker als ein pauschales Urteil.
Checkliste
  • Beginnt deine Erörterung mit einer Einleitung, die zum Thema hinführt und die Textbeilage nennt?
  • Hast du die Funktionen des Fotografierens sachlich wiedergegeben (Bewahren, Beglaubigen, Sicherheit, Beschäftigung)?
  • Hast du früher und heute verglichen – mit Gemeinsamkeiten UND Unterschieden?
  • Hast du Chancen und Gefahren einander gegenübergestellt – jeweils mit Begründung und Beispiel?
  • Sind deine Argumente nach dem Schema Behauptung – Begründung – Beleg aufgebaut?
  • Endest du mit einem begründeten, abgewogenen Fazit?
  • Liegst du zwischen 540 und 660 Wörtern und sind die Absätze mit Leerzeilen markiert?
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