Stell dir vor, du liest in der Zeitung eine Nachricht: „Die Preise für Fleisch sind gestiegen." Das ist ein Bericht – sachlich, neutral, ohne Meinung. Jetzt stell dir vor, du liest daneben: „Es ist höchste Zeit, dass wir unseren Fleischkonsum überdenken – und die Politik muss endlich handeln!" Das ist ein Kommentar.
Der Unterschied ist einfach: Im Bericht informierst du. Im Kommentar bewertest du. Du sagst deine Meinung, du argumentierst, du überzeugst.
Ömer sagt:
Ich erklär's dir so: Beim Bericht bist du wie eine Kamera – du zeigst, was passiert, ohne zu werten. Beim Kommentar bist du wie ein Richter – du schaust dir die Fakten an und fällst dann ein Urteil. Wichtig: Ein guter Richter erklärt auch, warum er so entschieden hat. Das sind deine Argumente!
Kommentar vs. Bericht
| Merkmal | Bericht | Kommentar |
|---|---|---|
| Ziel | Informieren | Überzeugen / Bewerten |
| Meinung | Keine Wertung | Persönliche Meinung erwünscht |
| Autorin / Autor | Anonym möglich | Namentlich genannt |
| Sprache | Neutral, sachlich | Wertend, rhetorisch, pointiert |
| Struktur | 5 W-Fragen | Einleitung – Hauptteil – Schluss |
| Inhalt | Fakten, Ereignisse | Argumente, Bewertungen, Schlussfolgerungen |
Kommentar vs. Erörterung
Beide Textsorten argumentieren. Der Unterschied liegt in der Haltung: Bei der Erörterung wägst du Pro und Contra ab und kommst zu einem ausgewogenen Ergebnis. Beim Kommentar hast du von Anfang an eine klare Meinung – du bist Partei.
Jeder Kommentar folgt einem klaren Aufbau. Wenn du diesen Aufbau kennst und verwendest, schreibst du strukturiert und überzeugend.
Gliederung – Beispiel Massentierhaltung
| Abschnitt | Inhalt (Beispiel) | Umfang |
|---|---|---|
| Einleitung | „Wussten Sie, dass Österreich jährlich über 300.000 Tonnen Fleisch importiert – während gleichzeitig Tierwohl und Umweltschutz auf der Strecke bleiben?" → These: Die Massentierhaltung ist nicht länger vertretbar. | ca. 60 Wörter |
| Hauptteil Arg. 1 | Tierwohl: Tiere leiden unter beengten Verhältnissen → wissenschaftliche Studien als Belege. | ca. 80 Wörter |
| Hauptteil Arg. 2 | Umwelt: CO₂-Ausstoß, Wasserverbrauch, Monokulturen für Tierfutter. | ca. 80 Wörter |
| Gegenargument | „Manche sagen, Fleisch muss billig sein." → Widerlegung: Der günstige Preis verlagert nur die echten Kosten auf Umwelt und Gesellschaft. | ca. 80 Wörter |
| Stärkstes Arg. | Gesundheitsrisiken durch Antibiotikaresistenz in der Massentierhaltung. | ca. 90 Wörter |
| Schlussteil | Fazit + Appell: „Kauft bewusster. Unterstützt lokale Biobetriebe. Und fordert von der Politik endlich klare Regelungen!" | ca. 80 Wörter |
Ein Kommentar lebt von seiner Sprache. Der Ton ist pointiert, wertend und überzeugend. Du darfst rhetorische Mittel einsetzen – das macht deinen Text lebendiger und überzeugender.
Rhetorische Frage
Was ist das? Eine Frage, die keine echte Antwort erwartet – die Antwort ist offensichtlich oder steckt schon in der Frage selbst.
Wirkung: Bindet die Leserin / den Leser aktiv ein, erzeugt rhetorischen Druck, regt zum Nachdenken an.
Appell / Direkte Anrede
Was ist das? Die Autorin / der Autor spricht die Leserin / den Leser oder eine Gruppe direkt an und fordert zum Handeln auf.
Wirkung: Erzeugt emotionale Nähe, macht die Botschaft persönlich, erhöht die Dringlichkeit.
Antithese / Kontrast
Was ist das? Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Aussagen oder Ideen.
Wirkung: Macht Widersprüche sichtbar, schärft die Argumentation, erzeugt Spannung im Text.
Ironie / Sarkasmus
Was ist das? Das Gegenteil von dem, was wörtlich steht, ist gemeint. Sarkasmus ist eine besonders bittere Form der Ironie.
Wirkung: Erzeugt Distanz, kritisiert durch das Gegenteil, kann humorvoll oder scharf sein.
Klimax (Steigerung)
Was ist das? Steigerung von schwachen zu immer stärkeren Aussagen oder Argumenten.
Wirkung: Erzeugt Spannung, führt zum Höhepunkt, macht die Argumentation eindringlich.
Statistik & Fakten als Belege
Was ist das? Zahlen, Daten und Fakten als Belege für die eigene Argumentation.
Wirkung: Verleiht dem Argument Glaubwürdigkeit und sachliche Substanz, macht die Meinung fundiert.
Zitate als Belege
Was ist das? Aussagen von Expertinnen / Experten oder betroffenen Personen werden in den Text eingebaut.
Wirkung: Untermauert die eigene These mit einer Autorität, macht die Argumentation vielseitiger.
Verben der Meinungsäußerung – wichtig für den Kommentar
| Funktion | Formulierungen |
|---|---|
| Meinung äußern | Ich bin der Ansicht, dass … / Meiner Meinung nach … / Ich halte es für … / Es scheint mir, dass … |
| Behaupten / These | Es ist offensichtlich, dass … / Es steht außer Frage, dass … / Es ist höchste Zeit, … |
| Begründen | Dies liegt daran, dass … / Der Grund dafür ist … / Das zeigt sich daran, dass … |
| Einräumen (Gegenargument) | Zwar … aber … / Es mag stimmen, dass … allerdings … / Auch wenn … so bleibt doch … |
| Schlussfolgern | Daraus folgt, dass … / Es bleibt zu hoffen, dass … / Daher ist es notwendig, … |
| Appell | Es ist an der Zeit, … / Wir müssen … / Handeln wir jetzt! / Fordert … ! |
- Nur eine Meinung ohne Begründung = Behauptung, kein Argument
- Nur Fakten ohne Wertung = Bericht, kein Kommentar
- Gegenargumente ignorieren = schwache Argumentation
- Kein Appell im Schluss = verpasste Chance
Das Argument – Was ist das genau?
Ein Argument besteht immer aus zwei Teilen: der These (Behauptung) und dem Beleg (Beweis / Begründung). Ohne Beleg ist es nur eine Meinung, kein Argument.
| Teil | Beispiel |
|---|---|
| These (Behauptung) | „Massentierhaltung schadet dem Tierwohl." |
| Beleg (Beweis/Begründung) | „Studien zeigen, dass Tiere in Massenbetrieben oft kaum Bewegungsfreiheit haben und unter chronischem Stress leiden." |
| Verknüpfung (optional) | „Das macht deutlich: Die aktuellen Produktionsbedingungen sind mit einem ethisch vertretbaren Umgang mit Lebewesen nicht vereinbar." |
Gegenargumente richtig einbauen
→ Kein Eingehen auf mögliche Einwände.
Ömer sagt:
Ich denke mir das immer so: Ein gutes Argument ist wie ein Sandwich. Oben ist die These (was ich behaupte), in der Mitte der Belag (mein Beweis), und unten die Schlussfolgerung (was das bedeutet). Ohne Belag ist das kein Sandwich – und ohne Beweis kein Argument!
Beispiel: Einleitung mit Einstiegsfrage
"Wie viel kostet ein Hühnerfilet im Supermarkt? 1,99 Euro das Kilo. Und wie viel kostet die Umwelt, die Gesundheit der Tiere, das Wohlbefinden der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Schlachthöfen? Das steht nicht auf dem Preisschild – aber es gibt einen Preis. Und wir zahlen ihn alle."
Beispiel: Argument mit Beleg
"Ein weiteres Problem ist der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. In engen Ställen verbreiten sich Krankheiten rasend schnell – deshalb werden Tiere prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Das führt zu Resistenzen: Bakterien, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. Laut WHO ist die Antibiotikaresistenz eine der größten Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit. Wir riskieren also buchstäblich unser aller Leben für billigeres Fleisch."
Beispiel: Gegenargument und Widerlegung
"Natürlich gibt es das Gegenargument: Günstige Fleischpreise sind für einkommensschwache Familien wichtig. Das ist richtig – aber es ist auch kurzsichtig. Denn der billige Preis im Supermarkt täuscht. Die echten Kosten bezahlen wir anderswo: über höhere Krankenkassenbeiträge, über staatliche Förderungen für intensive Landwirtschaft, über Umweltschäden, die Milliarden kosten. Am Ende ist billiges Fleisch für die Gesellschaft sehr teuer."
- Ist mein Standpunkt klar formuliert?
- Habe ich mindestens 3 Argumente mit Begründung?
- Habe ich Gegenargumente berücksichtigt und widerlegt?
- Habe ich die Gliederung (Einleitung – Hauptteil – Schluss) eingehalten?
- Keine Pauschalierungen oder Verallgemeinerungen?
- Wortanzahl eingehalten (405–495 Wörter)?
- Meinen Namen als Autorin / Autor angegeben?
- Den Text auf Rechtschreib- und Grammatikfehler geprüft?
Ömer zum Abschluss:
Denk daran: Beim Kommentar bist du nicht neutral – du bist Partei. Und das ist gut so! Aber Partei sein heißt nicht, unüberlegt draufloszuschreiben. Es heißt, eine klare Meinung zu haben und diese mit guten Argumenten zu verteidigen. Das kannst du schaffen. Los geht's!
Die Matura-Aufgabe: Was wird genau verlangt?
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Prüfungstermin | SRDP September 2019 – Thema: Literatur, Kunst, Kultur |
| Textsorte | Kommentar |
| Titel | Lesen für alle: Literatur in einfacher Sprache |
| Wortanzahl | 270–330 Wörter (mit Leerzeilen zwischen Absätzen) |
| Schreibhandlungen | Beschreiben / Rekapitulieren → Argumentieren → Bewerten |
| Situation | Beitrag für eine österreichische Tageszeitung, Beilage zum Thema Lesekultur |
Offizieller Arbeitsauftrag (Matura September 2019)
Situation: Eine österreichische Tageszeitung lädt junge Erwachsene dazu ein, Beiträge für eine Beilage zum Thema Lesekultur einzusenden. Sie verfassen dafür einen Kommentar mit dem Titel Lesen für alle: Literatur in einfacher Sprache.
Verfassen Sie den Kommentar und bearbeiten Sie dabei folgende Arbeitsaufträge:
- 1Beschreiben Sie das in Textbeilage 1 vorgestellte Projekt.
- 2Setzen Sie sich mit positiven und negativen Aspekten von Literatur in einfacher Sprache auseinander. Berücksichtigen Sie dabei einige Regeln des Frankfurter Projekts (Textbeilage 2).
- 3Bewerten Sie diesbezügliche Bestrebungen.
⚠️ Schreiben Sie zwischen 270 und 330 Wörter. Markieren Sie Absätze durch Leerzeilen.
Textbeilage 1 – Autoren und die einfache Sprache
Frankfurt/Main. Eine junge Frau hat endlich in Frankfurt eine neue Wohnung gefunden. Da klingelt eines Tages ein älterer Herr bei ihr. Der freundlich plaudernde Besucher entpuppt sich als ehemaliger Kunde der berühmten Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Sie wurde 1957 in der Wohnung der ahnungslosen neuen Mieterin ermordet. Es ist eine witzige Geschichte, die Kristof Magnusson erzählt. Dennoch unterscheidet sich der Text von allem, was der Autor bisher geschrieben hat. Denn er benutzt dafür bewusst einfache Wörter mit simplen Sätzen – und verzichtet auf jeden Zeitsprung.
Magnusson ist einer von sechs renommierten deutschen Autoren, die sich auf Anregung des Literaturhauses Frankfurt zu einem ungewöhnlichen Vorhaben zusammengetan haben. Gemeinsam haben sie elf Regeln aufgestellt. Das Pionierprojekt will Menschen erreichen, die wegen Behinderungen ein niedriges Sprachniveau haben – oder wie Zuwanderer gerade erst die deutsche Sprache erlernen. „Wir lassen ganz viele Menschen außen vor", sagt Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses.
Es gibt aber auch Kritiker, die eine „Infantilisierung" der Sprache befürchten. Hückstädt betont dagegen, dass die Initiative keinesfalls ein Aufruf an Schriftsteller sei, ihren Stil zu vereinfachen. Er sieht Texte in einfacher Sprache als zusätzliche Sparte für eine bisher vernachlässigte Zielgruppe.
Textbeilage 2 – Regelwerk des Frankfurter Projekts
Die Autorinnen und Autoren des Projekts „Frankfurt, deine Geschichte" geben sich folgende Regeln:
- Unsere Texte beziehen sich auf Ereignisse, Orte, Personen oder Gegenstände aus der Frankfurter Geschichte.
- In den Texten können wir auch erfinden.
- Wir schreiben Texte von 20 Minuten Vorleselänge.
- Wir benutzen einfache Wörter.
- Wir schreiben einfache Sätze.
- Wenn wir Sprachbilder verwenden, erläutern wir diese.
- Wir vermeiden Zeitsprünge.
- Wir erzählen aus nur einer Perspektive.
- Wir gliedern unser Textbild anschaulich.
- Möglichst wenige Hauptwörter!
- Möglichst viele Verben!
Aufgabe analysieren – Was verlangen die 3 Arbeitsaufträge?
Mögliche Argumente – Analyse der Matura-Lösung
- → 21 Millionen Menschen in Deutschland haben Leseschwierigkeiten – das Projekt gibt ihnen Zugang
- → Inklusion: Menschen mit Behinderung, Zuwanderer und funktionale Analphabeten werden einbezogen
- → Regeln 4, 5, 11 fördern aktiven, lebendigen Sprachstil (viele Verben → Tempo und Klarheit)
- → Renommierte Autorinnen/Autoren zeigen, dass einfache Sprache kein Qualitätsverlust ist
- → Neue Zielgruppe erschlossen, ohne bisherige Literatur zu ersetzen
- → „Infantilisierung" der Sprache: Vereinfachung könnte den Anspruch von Literatur senken
- → Regel 8 (eine Perspektive): schränkt literarische Komplexität ein
- → Regel 10 (wenige Hauptwörter): kann Präzision und Tiefe der Aussage reduzieren
- → Gefahr, dass Standards dauerhaft gesenkt werden
- → Nur als Pionierprojekt angelegt – keine Nachhaltigkeit gesichert
Ömer sagt:
Ich hab mir das beim Lesen gedacht: Wenn ich an meine Klasse denke – viele von uns haben Deutsch nicht als Muttersprache. Für uns wäre so ein Projekt vielleicht gar nicht schlecht. Also: Wenn du argumentierst, kannst du auch persönliche Bezüge herstellen. Das macht den Kommentar lebendig – und zeigt, dass du wirklich mitdenkst.
Bewertungsraster – So wird dein Kommentar benotet
| Kriterium | Was bedeutet das konkret? |
|---|---|
| Aufgabenerfüllung | Alle 3 Arbeitsaufträge erfüllt · Bezug auf beide Textbeilagen · Situation beachtet (Tageszeitung) |
| Argumentation | These + Beleg + Schlussfolgerung · Gegenargument eingebaut und widerlegt · sachlich nachvollziehbar |
| Textstruktur | Klare Gliederung · Absätze durch Leerzeilen · logischer Aufbau von Einleitung zu Schlussteil |
| Sprache & Stil | Wertende Sprache · pointiert · rhetorische Mittel (Frage, Appell) · Kommentar-Stil erkennbar |
| Wortanzahl | 270–330 Wörter eingehalten (Über-/Unterschreitung = Punktabzug) |
| Adressatenbezug | Für Tageszeitung geschrieben: sachlich, verständlich, aber persönlich und direkt |
- Einleitung (ca. 50 Wörter): Einstieg mit Frage oder These über Zugang zu Literatur → Thema vorstellen
- Hauptteil Teil 1 (ca. 70 Wörter): Arbeitsauftrag 1 – Projekt kurz beschreiben (Wer, Was, Ziel, Regeln)
- Hauptteil Teil 2 (ca. 120 Wörter): Arbeitsauftrag 2 – Pro-Argument (z. B. Inklusion) · Contra-Argument (z. B. Sprachqualität) · Widerlegung
- Schlussteil (ca. 60 Wörter): Arbeitsauftrag 3 – Klares Urteil + Appell an Verlage, Bibliotheken oder Leserinnen/Leser
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