Jetzt zurück zum Anfang. Lest das gesamte Kapitel XII – darin findet der Programmierer einen Zeitungsabriss, der eine entscheidende Spur enthält.
KAPITEL XII
Die Bibliothek – Sieben Namen
Er wachte auf, weil das Licht ihn aufweckte.
Nicht die Sonne – Sonne gab es hier nicht. Es war das Neonlicht, das um sechs Uhr morgens automatisch auf volle Stärke hochfuhr, ohne Vorwarnung, ohne Übergang. Einfach: dunkel. Dann: grell. Als hätte jemand die Welt neu gestartet, ohne Rücksicht darauf, ob man bereit war.
Er war nicht bereit. Er lag auf der Pritsche, die Augen noch halb geschlossen, und ließ die ersten Sekunden vergehen. Das Gehirn hochfahren. Inventory machen. Wo bin ich. Was habe ich. Was ist der Plan.
Die Antworten kamen schnell, wie immer. Das war das Einzige, das der Knast ihm nicht genommen hatte: die Geschwindigkeit, mit der sein Kopf arbeitete.
Er griff unter die Matratze.
Die Hefte waren noch da. Natürlich. Niemand hatte nachts die Zelle durchsucht – das hätte er gehört. Er zog das zweite heraus, das er gestern noch kaum angesehen hatte, und blätterte es kurz durch. Donald Duck in einem türkischen Basar. Onkel Dagobert mit Fez. Die Sprechblasen dicht und geschwungen.
Dann das eingeklebte Papier.
Er faltete es auf. Vokabeln auf der einen Seite – er hatte sie gestern auswendig gelernt, bis die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen. Auf der anderen Seite: die Namen.
Sieben Stück. In Tills winziger, präziser Handschrift, als wäre jedes Wort mit einem Skalpell geschrieben.
Er betrachtete sie. Namen. Alle österreichisch klingend, alle mit Vor- und Nachnamen. Steinbauer, Kurt. Thalmann, Georg. Eckhardt, Florian. Prantner, Andreas. Huber, Maximilian. Albrecht, Werner. Niedermayr, Josef. Sieben Namen, untereinander, ohne Erklärung, ohne Kontext. Nur die Namen – und ganz unten, winzig, fast unsichtbar: ZTALPSNHAHPETS.
Er sagte sich, dass er jetzt keine Zeit dafür hatte. Erst die Sprache. Dann alles andere.
Er begann mit den Vokabeln.
Er hatte darum gebeten – zweimal, über den Wärter mit den zu kurzen Ärmeln, der seine Anträge grundsätzlich mit einem kurzen Schnauben quittierte. Beim dritten Mal hatte ein anderer Wärter Dienst gehabt, jüngerer, weniger gelangweilter – und drei Tage später stand er vor einer Tür am Ende eines Ganges, den er noch nicht kannte.
Raum 14. Anstaltsbibliothek. Ein Schild, handgeschrieben, leicht schief. Der Raum dahinter war kleiner als erwartet. Vier Regale, kaum mannshoch, vollgestellt mit Büchern in unterschiedlichem Zustand. Manche neu, die meisten nicht. Zwei Tische, sechs Stühle, ein vergittertes Fenster, durch das tatsächlich Tageslicht fiel – echtes, natürliches Licht, das auf den Boden eine blasse Raute zeichnete.
Er blieb einen Moment stehen.
Licht.
Er hatte vergessen, wie es aussah, wenn Licht von draußen kommt.
Er bewegte sich zu den Regalen. Türkisch dominierte, erwartungsgemäß. Romane, Sachbücher, religiöse Texte in unterschiedlicher Dicke. Ein Regal mit Englisch – einige Taschenbücher, zerlesene Thriller, ein Wörterbuch. Ganz hinten, fast verdeckt von einem umgefallenen Stapel, ein schmales deutsches Regal.
Er zog die Bücher einzeln heraus. Prüfte sie. Legte die meisten zurück. Dann – ein Türkisch-Deutsch-Wörterbuch, älter, die Seiten leicht gewellt, aber vollständig. Er hielt es wie Till die Micky-Maus-Hefte gehalten hatte – als wäre es mehr als das, was es war.
Er setzte sich an den Tisch, in die blasse Raute aus Tageslicht, und schlug die erste Seite auf.
Er arbeitete, bis der Wärter klopfte.
Wie lange das war, wusste er nicht genau. Lang genug, um dreißig neue Vokabeln zu verankern, lang genug, um die Grundstruktur des türkischen Satzbaus ein zweites Mal durchzudenken – Verb am Ende, Suffixe statt Präpositionen, eine Logik, die er langsam zu respektieren begann. Nicht mögen. Respektieren.
Er war gerade dabei, eine Seite umzublättern, als etwas aus dem Wörterbuch rutschte.
Ein Stück Papier. Gefaltet, mehrfach, zu einem kleinen Rechteck. Es landete lautlos auf dem Tisch.
Er sah sich um. Der Raum war leer. Der Wärter draußen hatte noch nicht geklopft. Er war allein.
Er entfaltete das Papier.
Es war kein Brief. Keine Nachricht. Es war eine Zeitungsseite – oder ein Ausriss davon, klein und sorgfältig abgetrennt, die Ränder gerade wie mit einem Lineal. Die Zeitung war österreichisch. Der Schriftzug oben rechts: Der Aufdecker. Das Datum: fast ein Jahr alt.
Er überflog den Artikel. Deutsch – kein Problem. Sein Blick flog über die Absätze, erfasste Schlagworte, sortierte und gewichtete automatisch, wie es immer gewesen war. Korruption. Behörde. Beschaffungskriminalität. Ein Name, der mehrfach auftauchte, umgeben von bürokratischen Formulierungen, die darauf ausgelegt waren, nichts wirklich zu sagen.
Er las den Namen.
Und dann – stillstand.
Nicht der Herzstillstand aus Filmen, kein Drama. Nur diese eine Sekunde, in der das Gehirn aufhört, neue Informationen zu verarbeiten, weil es alle Kapazität braucht, um das Gerade-Gelesene einzuordnen.
Er kannte diesen Namen.
Nicht von der Zeitung. Nicht aus dem Artikel. Er kannte ihn von dem Zettel in Tills Micky-Maus-Heft.
Er griff in den Hosenbund. Der Zettel war noch da – er trug ihn seit Tagen auf sich, zusammengefaltet, so flach wie möglich. Er entfaltete ihn, legte ihn neben den Zeitungsausriss. Verglich.
Dritter Name von oben. Links.
Derselbe.
Er lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte. Draußen war das gedämpfte Geräusch von Schritten, von Türen, von dem ewigen metallischen Klingen, das in diesem Gebäude überall war.
Er dachte nach.
Till hatte den Zettel in das Heft gelegt, bevor er ihm die Hefte gegeben hatte. Das bedeutete: Till kannte diese Namen. Till, der Journalist der Süddeutschen, der wegen einer Erdogan-Demo hier saß und trotzdem Micky-Maus-Hefte mit versteckten Zetteln in seinen Hosentaschen trug. Till, der gesagt hatte: In diesem Zettel steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist.
Und der Zeitungsabriss.
Nicht zufällig in diesem Wörterbuch. Nichts hier war zufällig. Das war das Erste, das man lernte in einem Gefängnis: Zufälle gibt es nicht. Nur Dinge, die man noch nicht verstanden hat.
Jemand hatte diesem Abriss hierher gelegt. In dieses Wörterbuch, in dieser Bibliothek. Für jemanden, der Deutsch liest. Der einen Grund hat, nach diesem Namen zu suchen – oder der ihn erkennen würde, wenn er ihn sieht.
Für ihn?
Oder für Till?
Er faltete beide Papiere sorgfältig zusammen. Den Zeitungsabriss schob er hinter den Zettel, dort wo noch Platz war, ganz außen. Er legte alles zusammen in den Hosenbund, tief genug, um bei einer flüchtigen Kontrolle nicht aufzufallen.
Dann schlug er das Wörterbuch wieder auf. Seite 47. Adalet. Gerechtigkeit. Er prägte sich das Wort ein.
Als der Wärter klopfte, sah er aus wie jemand, der nichts als lernt.
Die Tür fiel ins Schloss. Das Licht surrte. Die Decke starrte.
Er setzte sich auf die Pritsche, zog den Zettel heraus und betrachtete die sieben Namen ein weiteres Mal. Diesmal anders. Diesmal mit dem Wissen, dass zumindest einer davon in einer österreichischen Zeitung gestanden hatte – wegen Korruption, wegen Beschaffungskriminalität, eingehüllt in bürokratische Sprache, die nichts sagen und trotzdem alles bedeuten sollte.
Was verbindet die anderen sechs mit diesem einen?
Er würde Till fragen. Beim nächsten Hofgang. Vorsichtig. In der Art, die man hier lernte: nicht fragen, sondern beobachten lassen. Nicht sagen, was man weiß – sondern zeigen, dass man weiß.
Er legte den Zettel zurück unter die Matratze, tief, in die hintere Ecke.
Dann griff er nach dem Micky-Maus-Heft.
Donald Duck im Basar. Die Sprechblasen, die er gestern noch nicht entziffern konnte – heute schon. Langsam, mit Lücken, mit Fehlern. Aber lesbar.
Para nerede? – Wo ist das Geld?
Er musste kurz lachen. Nicht laut. Nur so, dass er es selbst hörte.
Dann lernte er weiter.
In einem späteren Kapitel erfahrt ihr noch mehr – hier eine entscheidende Stelle: